Uwe Kraus

Ein Beispiel für die Entwicklung des Faches Ur- und Frühgeschichte in der SBZ/DDR. Der Leipziger Lehrstuhl unter Friedrich Behn (1948–-1963)

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Abstract

1948 begann Friedrich Behn im Alter von 65 Jahren das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Seminar für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Leipzig wieder aufzubauen. Die im Vorfeld gescheiterten Versuche, einen geeigneten Fachvertreter für Leipzig zu gewinnen, beleuchten die Situation an der Philosophischen Fakultät während der Nachkriegszeit. Es wird deutlich, welche Voraussetzungen für einen »Neuanfang« erfüllt sein mussten. Der Lebenslauf von Gerhard Mildenberger, der 1949 als Assistent bei Behn begann, zeigt die Möglichkeiten und die Grenzen, die ein junger Archäologe in den 1950er Jahren an einer Hochschule der DDR hatte. Sein Abschiedsbrief vom März 1959 verweist auf eine Reihe von fachexternen Faktoren, mit denen man sich in Leipzig konfrontiert sah. Doch trotz negativer Beurteilungen durch verschiedene SED-Organe gelang es Behn, den hochschulpolitischen Einfluss am neugeschaffenen Institut für Vor- und Frühgeschichte gering zu halten. Auch am Beispiel der von Leipzig aus durchgeführten Ausgrabungen lässt sich die Vernetzung von Archäologie und Politik nachweisen. So wurde die Grabung auf dem LeipzigerMatthäikirchhof, aber auch Behn selbst vom Staatssicherheitsdienst überwacht. Das Ausscheiden Behns und die Regelungen über seine Nachfolge veranschaulichen abschließend die gewachsene Bedeutung einer zentralisierten Hochschulpolitik.
Schlüsselwörter: Fachgeschichte bzw. Wissenschaftsgeschichte, Archäologie in der DDR/deutsche Prähistorische Archäologie, Nachkriegszeit, Leipzig, Ausgrabungen in Sachsen, Archäologie und Politik

In 1948 Friedrich Behn began to rebuild the Department of Prehistoric Archaeology of the University of Leipzig. At this time he was 65. Behn was appointed only after a long recruiting procedure. This throws a light of the situation of the humanities in the Soviet Occupation Zone after World War II and the preconditions for a »new beginning«. The academic career of Gerhard Mildenberger – who became assistant professor under Behn in 1949 – depicts the opportunities and the limits for young archeologists at an East German university in the 1950’s. In his »farewell letter« from March 1959, he refers to a number of non-academic issues that influenced the academic live. Though under criticism by the Communist Party, Behn was able to restrain the parties influence on the newly built Institut für Vor- und Frühgeschichte. The political dimension is also present when excavations were led under Behn’s direction. So the excavation at the Leipzig »Matthäikirchhof« – as well as Behn himself – were under surveillance of the East German secret police. Finally, Behn’s retirement and the regulations for his successor illustrate the growing influence and the ongoing centralization of academic policy in the East German state.
Keywords: history of science, archaeology in socialist Germany/German prehistoric archaeology, postwar era, Leipzig, excavations in Saxony, archaeology and politics