EAZ – Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift


verfügbar bis Jahrgang 56

Ausgabe

55. Jahrgang, 1/2/2014

Fingierte Tradition und kulturelles Gedächtnis. Die Aneignung der Vergangenheit im Siedlungswesen der mitteleuropäischen Latènezeit

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Autor(en)

Holger Wendling

Abstract

Die häufige räumliche Bezugnahme urgeschichtlicher Grabhügel und befestigter latènezeitlicher Gehöftsiedlungen, sogenannter ›Viereckschanzen‹, scheint kein zufälliges Phänomen darzustellen. Mitunter wurden die Wall-Graben-Anlagen unmittelbar an ältere Hügelmonumente angebaut oder in deren direkter Umgebung errichtet. Die Analyse einer Stichprobe süddeutscher Viereckschanzen lässt Lage- und Kombinationsmuster erkennen, die teilweise mit kosmologischen Vorstellungen der ›keltischen‹ Bevölkerung zu erklären sind. Die bewusste Platzwahl deutet eine gezielte ideologische Anlehnung an die herausragenden Erinnerungsorte an. Ur- und frühgeschichtliche sowie ethnographische Beispiele für ähnliche Phänomene einer Korrelation von Siedlung und Bestattungsplatz bieten Interpretationspotential für die eisenzeitliche Erinnerungskultur Mitteleuropas. Der ostentative Rückgriff auf ältere Monumente diente der Aneignung der Vergangenheit sowie der Schaffung (fingierter) Traditionen und sollte hierdurch wirtschaftliche und politische Machtstrukturen legitimieren und konsolidieren.
Schlüsselwörter: Viereckschanzen, befestigtes Gehöft, Grabhügel, Latènezeit, fingierte Tradition, kulturelles Gedächtnis, Aneignung der Vergangenheit, Machtlegitimation

The frequent spatial reference of prehistoric burial mounds and La Tène-period fortified farmsteads (so called ›Viereckschanzen‹) is rather no coincidence. Sometimes, the rectangular enclosures incorporate an ancient burial monument or were constructed in direct vicinity of mounds. A sample analysis of southern German Viereckschanzen reveals patterns of position and correlation which might be explained by cosmological beliefs of a ›Celtic‹ population. The deliberate choice of position near a visible grave suggests a conscious ideological reference to eminent memorial places. Prehistoric and ethnographic examples of similar phenomena of combined settlements and burial places help to interpret Iron Age memorial culture of Central Europe. The ostentatious recourse on ancient monuments aimed at the appropriation of the past and the creation of (fictitious) traditions. This ideological reference legitimised and consolidated economic and political power.
Keywords: Viereckschanzen, fortified farmstead, burial mounds, La Tène period, fictitious traditions, cultural memory, appropriation of the past, legitimation of power


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