Ulrich Veit

Archäologiegeschichte als Wissenschaftsgeschichte. Über Formen und Funktionen historischer Selbstvergewisserung in der Prähistorischen Archäologie

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Abstract

Ansätze zu einer Geschichte der (Prähistorischen) Archäologie sind, gerade im deutschsprachigen Raum, fast so alt wie das Fach selbst. Entsprechende Studien entstanden zunächst primär in legitimatorischer Absicht. Sie sollten dem jungen Fach eine historische Identität und damit eine Legitimität verschaffen, die es zunächst nicht besaß. An diese Anfänge der Fachgeschichtsschreibung schlossen die wissenschaftsgeschichtlichen Bemühungen nach 1945 ohne wirklichen Bruch an. Seit den 1970er Jahren trat neben die üblichen ideen-, methoden- und institutionsgeschichtlichen Studien verstärkt eine kritische sozialgeschichtliche Perspektive, in der konsequenter auf den Zusammenhang zwischen Archäologie und Gesellschaft abgehoben wurde und so die Abhängigkeiten des Faches vom Zeitgeist durchschaubar gemacht wurden. Auch ging es in entsprechenden Arbeiten darum, die nach 1945 weithin dominante Vorstellung vom vermeintlich unpolitischen Charakter des Faches zu widerlegen und die Verstrickungen auch prominenter Fachvertreter mit den Unrechtssystemen des 20. Jahrhunderts off en zu legen. Erst in jüngerer Zeit wurden darüber hinaus vereinzelt auch andere Formen der Wissenschaftsgeschichtsschreibung erprobt – angeregt v. a. durch Entwicklungen in anderen Bereichen wie der Geschichtswissenschaft oder der Wissenschaftssoziologie. Heute eröffnet insbesondere der practical turn der aktuellen Wissenschaftsgeschichtsschreibung interessante Perspektiven für die Archäologiegeschichtsschreibung. Wie eine solche Perspektive aussehen könnte, wird im zweiten Teil dieses Beitrags dargelegt und an verschiedenen Beispielen erläutert. Am Ende steht der Versuch einer Systematik möglicher Formen und Funktionen der Archäologiegeschichtsschreibung. Darüber hinaus wird die Frage erörtert, welche Anforderungen an eine zeitgemäße Archäologiegeschichte zu stellen sind und was eine solche für das Fach als Ganzes zu leisten vermag.
Schlüsselwörter: Archäologiegeschichte; Wissenschaftsgeschichte; ›Practical Turn‹; Experimentalsystem

Approaches towards a history of (Prehistoric) Archaeology are at least in Germany nearly as old as the discipline itself. Early works were written with the intent to give legitimacy to the new discipline by creating a historical identity. Attempts at writing a disciplinary history after 1945 continued to argue in the same way and still had their focus on mainly ideas, methods and institutions. It was not before the 1970s that more critical approaches towards a social history of archaeology developed. They included a special focus on the role of archaeologists in society and politics, particularly with regard to totalitarian regimes. Apart from few references to the work of Thomas S. Kuhn, ideas developed within contemporary sociology of science or history of science played only a secondary role in discussions on archaeology’s past for a long time, despite the great potential of such approaches. Today the practical turn within a history of science opens up even more interesting perspectives. The intent of my paper is to critically evaluate existing approaches towards a history of prehistoric archaeology and at the same time present some ideas for a future historiography of archaeology.
Keywords: history of archaeology, history of science, practical turn, experimental system