Matthias Jung

Hofberichterstattung. Zur Wirkmächtigkeit des narrativen Ideals in der Hallstattforschung

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Abstract

Mein Beitrag basiert auf der Annahme, dass für die prähistorische Archäologie eine Orientierung an geschichtswissenschaftlichen Erzähltheorien grundsätzlich unangemessen ist, denn ihre Aufgabe ist die Konstitution chronographischer Texte. Ein solcher Text kann einer Erzählung nahe kommen, es ist dies aber nicht von vornherein als Normalfall zu unterstellen. Eine archäologische Chronographie müsste in der Lage sein, eine quellenbedingte Abstraktheit und Nichtentscheidbarkeit aus- und in der Darstellung durchzuhalten, ohne sich einem Zwang zur Farbigkeit, Konkretion und Lückenlosigkeit anheimzugeben. Die, in einer Formulierung von Moritz Hoernes, 'Lichtschwäche und Lückenhaftigkeit' der von den archäologischen Quellen gewährten Lebensbilder ist kein kompensationsbedürftiger Makel; vielmehr hat die Archäologie die quellenbedingten Restriktionen zu respektieren und Bestimmungen und Deutungen ihrer Gegenstände zu formulieren, die zwar abstrakt, aber gleichwohl exakt sind. Orientiert sich die Archäologie an einem narrativen Leitbild, so transponiert sie ihre Ergebnisse in die Konkretion anschaulicher Lebensbilder hinein, die aufgrund ihrer Suggestivität zur Verselbständigung neigen. Beispielhaft erläutert werden diese Überlegungen anhand der Hallstattforschung. Ausgangspunkt bilden einige sprachphysiognomische Auffälligkeiten und immer wiederkehrende rhetorische Muster, die einen spezifischen Jargon ausmachen, der wesentlich auf das Ansinnen zurückzuführen ist, eine in sich geschlossene und kohärente Geschichte dieser Epoche bzw. bestimmter Aspekte derselben zu erzählen. Dieser Jargon soll als Ausdruck eines Modelldenkens analysiert werden, das einem (freilich unausgesprochenen) narrativen Ideal verpflichtet ist.
Schlüsselwörter: Archäologische Interpretationen; Narrativ; Hallstattforschung; ›frühkeltische Fürstensitze‹

My paper is based upon the assumption that prehistoric archaeology’s business is to generate chronographic texts instead of the construction of narratives like in historical science. Archaeology should have the ability to cope with abstractness and indecisiveness conditional on the nature of archaeological findings and features without conceding to a supposed need for completeness and concretion. Archaeological reconstructions’ 'faintness and incompleteness', to quote Moritz Hoernes, is not a blemish that has to be compensated; archaeology rather has to accept the specific restrictions of its sources and so the interpretation of its finds and features has to be accurate but abstract as well. Following a narrative concept, archaeology risks to transpose its issues into concrete life-like pictures which tend to take their own way due to their suggestive power. Th is assumption will be exemplified in reference to Hallstatt period research. Based on some linguistic peculiarities and repeating rhetorical figures, a specific jargon is formed that can be ascribed to a request to narrate a coherent and closed story of this period. This jargon is analysed as a characteristic of a reasoning that is bound to an ideal of narration.
Keywords: Interpretations in archaeology; narrative; Hallstatt period research; ›early Celtic princely sites‹