Ursula Meyer

Endstation Aasee

Ein Münsterkrimi mit Sieglinde Züricher

1998,  Waxmann Schwarze Serie,  292  Seiten,  broschiert,  5. unveränderte Auflage,  12,70 €,  ISBN 978-3-89325-650-1

zurück zur Übersicht

Der Tod eines Münsteraner Prominenten – Schulleiter, Musiker, Kunstsammler und Kommunalpolitiker – wirft für Sieglinde Züricher, soeben zur Münsteraner Polizei übergewechselt, zahlreiche Rätsel auf: Handelt es sich bei dem Mord an Rehberg um einen Racheakt, oder ist er die Folge eines familiären Dramas, dem auch sein Sohn Christian zum Opfer gefallen ist?


Leseprobe

(...) Die Ampel sprang auf Grün, Kotte, froh, daß es endlich weiterging, legte den ersten Gang ein und ließ den Transporter leicht vorwärtsrollen, aber sein Vordermann rührte sich nicht von der Stelle. Aus mehreren Wagen hinter ihm drang ärgerliches Hupen, auch das zeigte keinerlei Wirkung. An ein Überholen war nicht zu denken, der Gegenverkehr ließ nicht die kleinste Lücke.

Die Ampel wurde gelb und wieder rot. Und auch Kotte sah plötzlich Rot. Er war ein freundlicher Mensch, aber auch ein temperamentvoller. Das Herauspolken der alten Wanne hatte ihn mehr Zeit gekostet als eingeplant. Warum fuhr dieser Trottel denn nicht? Jemand, der sich ein Auto der Luxusklasse leistete, mit einem Kennzeichen, als hätte er seine eigene Talkshow bei RTL, und dann badenging wie ein Fahrschüler in der ersten Übungsstunde? Kotte dachte daran, daß der Abladeplatz für Sondermüll nur über die Autobahn zu erreichen war und daß auf der Hansalinie Richtung Hamburg am Montag nachmittag ein nervenzerrendes stop-and-go herrschte ... Wütend löste er den Sicherheitsgurt und stieg aus. Dieser Schlafmütze würde er es zeigen. Er sah, daß das Fenster auf der Fahrerseite heruntergedreht war, beugte sich vor, um diesem "Lahmheini" die Meinung zu geigen, und prallte erschrocken zurück ...

Der Fahrer war über das Lenkrad gekippt und mit dem Kopf auf das Armaturenbrett geschlagen, sein linker Arm hing schlaff herunter. Das zum offenen Fenster gedrehte Gesicht zeigte eine blaurote Verfärbung und weit geöffnete Augen, die starr zur Wagendecke gerichtet waren. Aus seinem halboffenen Mund tropfte ein dünner Speichelfaden auf die hellgraue Hose, aber Blut war nirgendwo zu sehen ... Als Handwerksmeister hatte Kotte öfter mit Arbeitsunfällen zu tun, die auch nicht immer appetitlich aussahen. Sobald er den ersten Schrecken überwunden hatte, rannte er zu seinem Transporter und verständigte die Rettungsleitstelle. Obwohl er vermutete, daß diesem Menschen nicht mehr zu helfen war, schien ihm der Notarzt die geeignete Adresse. Mochten diese abgebrühten Burschen, die ständig mit Baulicht und Martinshorn durch die Stadt jagten, entscheiden, was passiert war ... Auch andere Autofahrer hatten inzwischen ihre Fahrzeuge verlassen, um einen Blick auf den Unglückswagen zu werfen, aber man blieb in sicherer Entfernung und beschränkte sich auf Vermutungen. Die Worte Herzversagen oder Gehirnschlag fielen mehrfach, aber dann redete jemand auch von Lebensmittelvergiftung. Er hätte mal einen Bekannten nach dem Genuß von verdorbenen Austern gesehen ...

Notarzt und Sanitäter trafen schnell ein. Der Arzt warf einen Blick auf den reglosen Mann, streifte Nylonhandschuhe über, öffnete die Wagentür und beugte sich hinein. Er tastete die linke Halsschlagader ab, versuchte es dann auf der rechten Seite, wobei ihm die eigentümliche Drehung des Kopfes Schwierigkeiten zu machen schien. Er fühlte auch den Puls der rechten Hand, die das Lenkrad umklammerte, und zog eine winzige Taschenlampe aus der Brusttasche seines weißen Mantels, um in die starren Pupillen zu leuchten. Dann rannte der Sanitäter zum Einsatzwagen und kehrte mit Sauerstoffmaske und Respirator zurück. Das Publikum sah die beiden eine Weile über den Fahrer gebeugt, dessen Kopf nun an der Nackenstütze lehnte. Aber die Beatmung schien erfolglos zu verlaufen, denn die beiden kehrten aus ihrer gebückten Haltung zurück, und der Sanitäter lief wieder zum Wagen und telefonierte ...

Autoreninfo

Ursula Meyer studierte Romanistik und Geographie in Köln und Wien und promovierte über die französische Gefängnisschriftstellerin Albertine Sarrazin. Nach kurzer Tätigkeit als Studienrätin wurde sie freie Schriftstellerin, verfasste Erzählungen, den Feuilletonkrimi Westfälisches Roulette und zehn Kriminalromane mit dem münsterschen Ermittlerduo Sieglinde Züricher und Max Lückmann. Sie ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Wien und Münster.

Pressestimmen

[D]ie Handlung [bleibt] stets spannend und entwirrt sich erst zum Schluss, durchaus mit Überraschungseffekten. [..] Ausdauernd, beherzt, charmant löst Sieglinde die Fälle!
In: Das Dosierte Leben, 42.