Britta L. Behm

Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin

Eine bildungsgeschichtliche Analyse zur jüdischen Aufklärung im 18. Jahrhundert

2002,  Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland,  Band 4,  309  Seiten,  broschiert,  29,80 €,  ISBN 978-3-8309-1135-7

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Als deutsche Bildungsgeschichte des 18. Jahrhunderts wird in der historischen Bildungsforschung bislang überwiegend die Geschichte der christlichen Aufklärungspädagogik verstanden. Dieses Buch zeigt, dass es damals auch Ansätze einer Erziehungsreform gegeben hat, die von den Vertretern der jüdischen Aufklärung (Haskala), besonders von Moses Mendelssohn (1729-1786) ausgingen und die parallel zu den christlichen Entwicklungen und ihren Wechselwirkungen mit diesen verliefen. Die Transformation der traditionellen jüdischen Erziehung in Richtung auf eine jüdisch-bürgerliche Form hin stellte für die Berliner jüdischen Aufklärer eine zweifache Gratwanderung dar: Innerhalb des Judentums ging es um eine zeitgemäße Lesart jüdischer Überlieferung, ohne den Verdacht zu erwecken, vom Judentum entfremden zu wollen. Im Hinblick auf die christliche Mehrheitskultur war die Balance zu halten zwischen der Anpassung der jüdischen Erziehung an die Erfordernisse der sich formierenden bürgerlichen Gesellschaft und dem Bestehen auf einer jüdischen religiösen und kulturellen Eigenständigkeit.

Autoreninfo

Britta Behm ist Lehrbeauftragte an der Humboldt-Universität zu Berlin und beschäftigt sich aus wissensgeschichtlicher Perspektive mit Problemen und Praktiken wissenschaftlicher Geltung. Aktuell forscht sie zur Konstruktion ‚empirischer Forschung‘ in der Geschichte westdeutscher Erziehungswissenschaft nach 1945. Sie studierte Geschichte, Erziehungswissenschaft und Germanistik in Hamburg, war Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg (Promotion 2001), Mitherausgeberin der Schriftenreihe "jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland" und hat danach über zehn Jahre im Wissenschaftsmanagement gearbeitet. Veröffentlichungen zu Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftsmanagement und (jüdischer) Schul- und Bildungsgeschichte.

Pressestimmen

Jede Auseinandersetzung mit Moses Mendelssohn ist vor ein immenses Problem gestellt [...] Britta L. Behms Dissertation hat sich bewußt der Herausforderung gestellt und sie bravourös bestanden. Ihre fünf konzentriert entwickelten Thesen werden künftig weder von Historikern, Judaisten, Literaturwissenschaftlern noch von Philosophen ignoriert werden können. [...] Der Autorin ist eine hervorragende Studie gelungen.
Aus: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. 50. Jg. H. 12. 2002. S. 1127f.

Behm analysiert Mendelssohns von der Bildungsgeschichtsschreibung zu unrecht vernachlässigte Gedanken über Erziehung in beeindruckender Ausführlichkeit, wobei sie sowohl dessen deutsch- wie auch hebräischsprachige Schriften auswertet. Zudem untersucht sie Mendelssohns Vorschläge zu einer grundlegenden jüdischen Erziehungsreform auf einer breiten Basis von bisher noch nicht edierten oder gar unbekannten Quellen, die sie stringent in Beziehung zu den zeitgenössischen Entwicklungen im Erziehungswesen der christlichen bzw. protestantischen Umgebungskultur setzt. So entsteht ein erstaunlich genau rekonstruiertes Bild der von Mendelssohn angestoßenen Veränderungen im jüdischen Erziehungswesen Berlins.
Die differenzierte und ausführliche Darstellung von Mendelssohns zwischen 1750 und 1790 entwickelten bildungstheoretischen Überlegungen, die Behm stets unter Bezug auf andere bedeutende Reformbestrebungen im deutschen Erziehungswesen der Spätaufklärung ab

[Britta Behm's] extensive and meticulous scholarship enables her to advance her arguments with considerable self-assurance. Her vivid description of the educational practices in middle-class Jewish homes in the eighteenth century and her perceptive contention that the founders of the Freischule selected and modified the adapted Philanthropist concepts on the basis of Jewish tradition and against the background of a Jewish path into the era of bourgeois modernity deepen our understanding of a crucial period of social transition for German Jewry and the Jewish encounter with the majority culture at that time.
Marjorie Lamberti in: Zeitschrift für pädagogische Historiographie. 9. Jg. 1/2003. S. 3ff.

Das Werk verarbeitet einerseits die wichtigen Quellensammlungen [...] andererseits weitgehend auch die relevante Literatur. So liegt seine Stärke weniger in Aufdeckung neuer Funde und Dokumente als in der bündigen und überzeugenden Zusammenführung unter einer wichtigen Fragestellung. In füssiger Sprache, stilistisch wohltuend unprätentiös, mit einem zweckmäßigen Verhältnis zwischen Haupttext und Anmerkungen und in einer weiten Perspektive, die sowohl die innerjüdischen als auch die allgemeinen Verhältnisse in den Blick nehmen kann, führt die Verfasserin ihre Leser durch ein besonders spannendes Kapitel der deutschen Bildungsgeschichte.
Michael Nagel in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte. Band 5/2003. S. 230f.

[Britta Behm] pays much richly documented attention - to her merit - to Mendelssohn's ideas concerning Jewish anthropology, the Jewish marriage and the families [...]
N. L. Dodde in: PADAGOGICA-HISTORICA. Vol. 40. 3/2004. S. 358ff.