Netzwerke der Entnazifizierung

Michael CustodisFriedrich Geiger

Netzwerke der Entnazifizierung

Kontinuitäten im deutschen Musikleben am Beispiel von Werner Egk, Hilde und Heinrich Strobel

2013,  Münsteraner Schriften zur zeitgenössischen Musik,  Band 1,  256  Seiten,  broschiert,  29,90 €,  ISBN 978-3-8309-2843-0

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Der Fortbestand personeller Netzwerke im Nachkriegsdeutschland, die während der NS-Zeit geknüpft worden waren, wird seit einigen Jahren mit großer Aufmerksamkeit diskutiert. Im Bereich der Musik ist die Freundschaft von Werner Egk zu Hilde und Heinrich Strobel hierfür in mehrfacher Hinsicht symptomatisch: Während Egk im Dritten Reich als Komponist und Funktionär an die Spitze des NS-Musiklebens aufstieg, geriet Strobel als Mentor der Musikmoderne in die Defensive und musste mit vielen Kompromissen als Journalist im besetzten Paris seine jüdische Frau vor der Deportation schützen. Nach Kriegsende verkehrten sich die Machtverhältnisse ins Gegenteil: Nun machten die Strobels ihren Status als politisch Verfolgte geltend und Heinrich Strobel setzte sich als Leiter der Musikabteilung im Radio des französischen Sektors und Herausgeber der legendären Zeitschrift Melos für den alten Freund ein. Auf Grundlage bisher unbekannten Quellenmaterials ist dieser Fall ein Beispiel für die oft unvermuteten Netzwerke, die auf dem Gebiet der Musik im Zuge von Entnazifizierungsverfahren aktiv wurden.

Dieser Band richtet sich vornehmlich an Musikwissenschaftler, Zeithistoriker, Kulturwissenschaftler, Medienwissenschaftler und Leser mit einem Interesse an NS-Kontinuitäten im Nachkriegsdeutschland.

Pressestimmen

Detaillierte Arbeiten zu Mitläufern und Nutznießern des NS-Regimes im Musikbereich sind nach wie vor rar. Noch seltener sind Versuche, das eigene Tun kritisch zu reflektieren [...] Die Autoren haben das Thema Egk [...] von allen Seiten beleuchtet und gehen auf die jeweiligen Standpunkte ein. Erfreulich, dass es ihnen nicht darum geht, jemanden zu „erledigen“, sondern um das Aufzeigen der Interessensverflechtung zwischen NS-Anhängern und -Gegnern.
Eva Rieger in: Die Musikforschung, 4/2015

Vor allem aufgrund der beeindruckenden Recherchetiefe stellt der Band einen gewichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der nicht erst im Gefolge der Debatte um den „Fall Eggebrecht“ in letzter Zeit vermehrt in den Fokus gerückten Nachkriegsmusikgeschichte dar. [...]
Matthias Pasdzierny in: H-Soz-Kult, 27.01.2015

Die von Custodis/Geiger versammelten Dokumente rekonstruieren nicht nur Hintergründe und Techniken der Entlastung, sondern sind aufschlussreich für Verwerfungen zwischen dem, was die Autoren als »System Kunst« und dem »System Politik« kontrastieren. Beiläufig wurde eine Gründungslegende der nachkriegsneuen Musik demontiert.
Frieder Reininghaus in: ÖSTERREICHISCHE MUSIKZEITSCHRIFT 3/2014

Die von Custodis/Geiger versammelten Dokumente rekonstruieren nicht nur die Hintergründe und Techniken des Reinwaschens von Tätern wie Egk, sondern sind aufschlussreich für Reibungen und Verwerfungen zwischen dem, was die Autoren als «System Kunst» und – auf methodisch nicht ganz unanfechtbare Weise – dem «System Politik» kontrastieren.
Frieder Reininghaus in: Neue Zeitschrift für Musik, 4/2014

ein spannendes Buch
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