Die Grammatik von <i>und</i>

Lirim Selmani

Die Grammatik von und

Mit einem Blick auf seine albanischen und arabischen Entsprechungen

2012,  Mehrsprachigkeit / Multilingualism,  Band 30,  278  Seiten,  E-Book (PDF),  26,90 €,  ISBN 978-3-8309-7550-2

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Und löst beim Hörer eine komplexe mentale Operation aus. Der Ausdruck indiziert immer eine hörerseitige Fortsetzungserwartung. Retrospektiv orientiert es ihn auf zuvor Begonnenes, das verbalisiert sein kann oder aber situativ präsent ist. Prospektiv indiziert es, dass das Angefangene propositional oder mental zu erweitern ist. Insofern initiiert und beim Hörer ein Weiterdenken, das mit einer operativen Prozedur als szenischer Expansion erfasst wird. Eine bereits eröffnete Szene wird um weitere Komponenten expandiert. Das Weiterdenken wiederum mündet stets im Zusammendenken. Und gibt an den Hörer die Anweisung, propositionale Elemente zusammenzudenken, was mit der szenischen Inklusion erfasst wird. Die szenische Inklusion ist die pragmatische Basis der syntaktischen Konjunktäquivalenz, bildet den Überschneidungspunkt der Konjunktinhalte – das, was sie gemeinsam haben. Elementar ist die Expansion des Anwendungsbereichs der Prädikation und Subjektion, unter die die Konjunkte als Partizipanten einer sie umgreifenden Instanz zusammengefasst werden.


Zusammenfassung

Der sprachliche Konjunktor und gehört zu den frequentesten sprachlichen Mitteln des Deutschen. Seine grundlegende Rolle liegt darin begründet, dass er Koordination, ein elementares Verfahren der komplexen Strukturbildung, realisiert. In der Untersuchung wird die These belegt, dass mit der Elementarität von und dessen breites Verwendungsspektrum einhergeht. Im 1. Kapitel der Arbeit wird das Ziel der Untersuchung skizziert, nämlich eine Basisfunktion von und herauszuarbeiten, die allen seiner Verwendungsweisen zugrunde liegt. Aus diesem Grund spreche ich von einer Grammatik von und, nicht von einer Syntax oder einer Semantik, die meiner Auffassung nach jeweils nur einen Funktionsausschnitt dieses Ausdrucks erfassen. Das 2. Kapitel führt in die Funktionale Pragmatik ein, die die sprachtheoretische Basis der Darstellung bildet. Im 3. Kapitel wird die Forschungslage im Hinblick auf die Wortart Konjunktor und das u.a. mit Konjunktoren realisierte syntaktische Verfahren der Koordination wiedergegeben. Kapitel 3.2.5 setzt sich mit der Frage der Universalität der Koordination auseinander. Ein Blick auf andere Sprachen zeigt, dass viele (eine Ausnahme bilden z.B. Maricopa und Pirahã) über und und somit über explizite koordinative sprachliche Mittel verfügen, was ebenfalls für die Elementarität dieses Sprachmittels spricht. Hier soll auch gezeigt werden, wie und-lose Sprachen das Fehlen von und kompensieren. Das 4. Kapitel bildet den Kern der Analyse. Zunächst wird auf die Diachronie von und eingegangen, um zu zeigen, ob das für und charakteristische breite Gebrauchsspektrum auch in älteren Sprachstufen des Deutschen zu beobachten ist. Im Anschluss daran erfolgt die syntaktische und semantische Analyse des Konjunktors, wodurch seine semantische und syntaktische Flexibilität veranschaulicht wird. In Kapitel 4.4 wird eine grammatische Analyse unternommen, die eine ganzheitliche Erfassung der und-Funktionalität bietet. Hier wird anhand zahlreicher authentischer Belege eine Neukonzeption des Ausdrucks und entwickelt sowie seine Grundfunktion, die mit seinen Verwendungsweisen inhärent verbunden ist, herausgearbeitet. Die Ergebnisse werden dann in Kapitel 4.5 auf die für den kindlichen Diskurs typischen Konfigurationen und so, und da und und dann übertragen, um aufzuzeigen, warum Kinder ihre Erzählschritte so organisieren, wie sie es tun. In Kapitel 4.6 wird und mit anderen Konjunktoren (z.B. sowie, aber) verglichen. Dieses Kapitel zielt auf die Elementarität von und innerhalb der Konjunktorenklasse ab: Es soll deutlich gemacht werden, inwiefern und anderen Konjunktoren zugrunde liegt. Kapitel 5 behandelt und im Sprachvergleich. Im besonderen verfügen das Albanische und das Arabische über mehrere und-Formen. So differenziert Standardalbanisch zwischen folgenden und-Formen: e, dhe und edhe. Die Form dhe gilt als Standardfall der albanischen und-Koordination, e und edhe dagegen haben sich für spezifischere Zwecke herausgebildet: e indiziert Handlungssimultanität, edhe ist die emphatische Variante von dhe. Arabische und-Formen sind wa und fa; ersteres entspricht dem deutschen und und gilt als Standardfall der koordinativen Verknüpfung, während letzteres stets Sukzessivität signalisiert und damit Ähnlichkeiten mit der deutschen Konfiguration und dann hat.


Summary

The conjunction und (Engl. and) is one of the most frequent and most elementary linguistic means in German. Its fundamental role rests on its realizing a grammatical coordination which is conceived of here as a basic structure of complex linguistic connectivity in text and discourse. In the study, evidence for the hypothesis will be given that the fundamental role of und (and) is systematically associated with a wide variety of empirical employments and usages.
Chapter 1 outlines the aim of the study, i.e. it delineates the basic function of und which underlies all of its employments and usages. In order to thoroughly grasp this basic function, I am advocating the concept of a ‘grammar’ of the conjunction und; in my view, syntax or semantics alone do but cover fragments of it.
Chapter 2 introduces some basic terms of Functional Pragmatics, which is taken as the theoretical groundwork for the study.
Chapter 3 scrutinizes the literature with regard to und as a ‚part of speech’ (Wortart) by looking at syntactical processes, which are realized by means of various conjunctions other than und. Section 3.2.5 in particular discusses questions of the universality of grammatical coordination: It is shown that the majority of languages (with some exceptions like e.g. Pirahã) dispose of explicit grammatical means of coordination, a matter of fact which favours the fundamentality of und mentioned above. Further, it will be shown how languages in which und does not exist compensate for this gap.
Chapter 4 contains the core of the analysis. At first, the diachrony of und is addressed in detail in order to make obvious that the wide range of present day employments and usages of und can be met at earlier stages of the German language development as well. Then, the semantic and syntactical flexibility of und will be analysed. In section 4.4, a grammatical analysis of und, which is holistic and integrated at the same time, is undertaken. In this section, a new conception of the expression und is developed on the basis of numerous authentic examples; its basic function inherent to all its employments and usages at the linguistic surface is elucidated. The analysis is applied in section 4.5 to child discourse, explaining why children often organise their narratives by means of typical formulaic expressions as und so (and so), und da (and then). In section 4.6, the expression und is contrasted with conjunctions as sowie (as well as), aber (but) and others.

Chapter 5 deals with a cross linguistic comparison of the conjunction und. Notably Albanian and Arabic offer several counterparts of und. As for Standard Albanian, it distinguishes e, dhe and edhe: the expression dhe can be taken as the standard or neutral form of a conjunction corresponding to und whereas e and edhe have been developed for specific purposes: e indicates simultaneity of actions while edhe is used as an emphatic variant of dhe. - Counterparts of und in Arabic are wa and fa: wa covers most of the German und usages and can be assessed as the standard coordinative conjunction whereas fa signalises succession and, in so doing, exhibits some resemblances with the German formulaic expression and then.