Georg Hans Neuweg

Könnerschaft und implizites Wissen

Zur lehr-lerntheoretischen Bedeutung der Erkenntnis- und Wissenstheorie Michael Polanyis

1999,  Internationale Hochschulschriften,  Band 311,  448  Seiten,  broschiert,  34,80 €,  ISBN 978-3-89325-753-9

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Warum und inwiefern wissen Könner mehr, als sie zu sagen wissen? Wie ist dieses implizite Wissen strukturiert? Und wie läßt sich ein Wissen vermitteln, das nicht sprachlich ausdrückbar ist?

Im Versuch, diese Fragen zu beantworten, entsteht nicht nur eine der ersten grundlegenden Rekonstruktionen von Polanyis tacit knowing-Konzept im deutschen Sprachraum, sondern auch ein facettenreiches Bild des Erwerbs und der Binnenstrukturen von Erfahrungswissen.

Das Buch wendet sich an Kognitionspsychologen und -philosophen, Expertenforscher, Lehr-Lern-Theoretiker, Erziehungswissenschaftler und Berufs- und Wirtschaftspädagogen, aber auch an Betriebswirte und Organisationstheoretiker, die sich für die Grenzen der Explikation von Wissen interessieren.

Autoreninfo

Georg Hans Neuweg, Jahrgang 1965, Dr. rer. soc. oec., außerordentlicher Universitätsprofessor am Institut für Pädagogik und Psychologie der Universität Linz, leitet die dortige Abteilung für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, befaßt sich seit Jahren intensiv mit der Erkenntnis- und Wissenstheorie Polnayis und ist Mitglied in der Polanyi Society.

Pressestimmen

"Michael Polanyi is hardly known in Germany today. His work outside of physical chemistry is not available in German, with the exception of the "Tacit Dimension" (available in a rather inexact translation) and the Eddington lectures ("Beyond nihilism"). Language is not the only problem for his reception or lack thereof, however. There are at least two further problems which make Polanyi almost inaccessible to the German reader. One is his style of scholarship. Writing essentially for an English-language audience, he presents even his greatest breakthroughs as if they were common sense. German language readers simply do not know where to put him in intellectual history, unless they are very well trained philosophers. The other problem is that Polanyi wrestled with the problems posed and solutions found by the southwestgerman school of philosophy and sociology with is practically extinct, and does this, of course, implicitly. He even misleads the reader who is not too careful into believing that he is following the lead of Dilthey.

Neuweg's book addresses the first problem splendidly. It is a very learned work (apparently his Habilitation, the "second book" required for a career in German language universities). The title gives the focus of the book: it is the expert and his or her implicit knowledge. In particular, Neuweg examines the importance of Polanyi's theories for theories of teaching and learning. He relates Polanyi's contributions to philosophy and psychological research. In particular, Neuweg discusses the work of Gilbert Ryle at length and relates it to Polanyi.

It is a little odd that an introduction to Polanyi's life and work is given in the middle of the text (Chapter 8, 14 pages). It seems to this reviewer that Neuweg tends to overstate the importance of the tacit dimension and to underplay the importance of levels for his thought. For a systematic introduction - beyond theories of learning - it would have been worthwhile to at least hint at the links of Polanyis thought to the southwestern German school of philosophy and sociology (Windelband, Weber).

The book certainly does give the flavour of Polanyi's work. It contains quite a few of Polanyi's striking examples which are frequently so convincing that the reader does loose the argument they are supposed to prove. Neuweg places them in their systematic context. It is important to note that he is concerned with learning and teaching rather complex skills, such as required in a profession, thereby going well beyond more simplistic models of learning.

This is the first major exposition of Polanyi's work in German. It is to be hoped that the increased visibility and accessibility will lead to an awareness of this great scholar who was one of Germany's leading scientists until 1933."
Aus: Tradition & Discovery, 2. 1999/2000.

"Der Autor versteht es, die theoretische Erörterung mit konkreten Beispielen unserer Lernpraxis zu verflüssigen, sodass sich der Leser der Reflexion des eigenen impliziten Wissens nicht entziehen kann.[...] Es ist ein Werk, das sich mit derartiger Dichte und Intensität der Erkenntnistheorie (Polanyis) widmet - sodass für den Leser vielleicht die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit dieser Thematik nachvollziehbar wird. Die im Buch indirekt vermittelte Erfahrung des Autors lässt ihn zum Coach werden, der die Kompetenz hat, mit dem Leser in ein Lehr- bzw. Lernarrangement zu treten."
Aus: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, 6. 2000.

"Könnerschaft und implizites Wissen" ist von Anfang bis Ende ein fesselndes Buch. Neuweg redet nicht über und um Polanyis Von-zu-Denken herum, sondern er führt seinen eigenen Denkweg vor; er zeigt, wie er von Polanyi gelernt hat, Bekanntes in neuem Kontext zu sehen und implementiert so die Prinzipien, die sein Buch darstellt. Polanyis Wechselspiel von Intuition und Reflexion wird in Aktion gezeigt, soweit das in einem Buch möglich ist. Dies geschieht durch eine Fülle gut selegierter und platzierter Zitate sowie eine breite Palette von Beispielen bzw. durch definitorische Präzesierungen, Profilierung am Gegensatz, Verfolgung von Konsequenzen, Aufspüren von Inkonsistenzen. Beeindruckend ist die begriffliche Sorgfalt im notorisch Nebulosen der Polanyi-Landschaft. Die Explikationen einzelner Aspekte bestechen durch Differenziertheit und Systematik. In der Kunst, Details und Zusammenhang zu bewahren, ist Neuweg weit über sein Vorbild hinausgewachsen. Weit verästelte Argumentationen werden regelmäßig thesenhaft, tabellarisch und bildlich verdichtet, Vor- und Rückblicke sind selbstverständlich, Einsichten werden in konzentrischen Kreisen immer wieder anders aufgenommen. Witz und die an Ryle geschulte Polemik tragen zum Lesegenuss bei. Das umfangreiche Literaturverzeichnis wird durch Fußnoten sowie Internet Adressen ergänzt.
Aus: Psychologische Revue, 0. 2001.

Der umfangreichen Studie G.H. Neuwegs gelingt es ausgezeichnet, die mitunter "sperrige" Darstellungsweise Polanyis in einer Weise aufzubereiten, die dem Leser die Chance bietet, dessen Ideenwelt mit großem Gewinn zu begegnen. [...] Besonders bewundernswert erscheint dem Rezensenten - neben dem elaborierten wissenschaftstheoretischen Sprachcode - die kompilatorische Kraft, mit der Neuweg das weit gestreute und nicht eigentlich streng systematisch überformte Gedankengut Polanyis durchforstet, neu ordnet und dabei dennoch unerwünschte Wiederholungen vermeidet.
Aus: Pädagogische Rundschau, 6. 2001.

Georg Hans Neuweg [...] beschäftigt sich seit Jahren mit der Erforschung von Könnerschaft und Expertentum. Als junger Dozent in der Lehrerbildung habe ihn das Theorie-Praxis-Problem der Hochschule umgetrieben: die simple Tatsache, dass gute Praxis über noch so gute Wissenschaft und Theorie nicht zu vermitteln sei. [...] Zufällig entdeckte Neuweg in einer Buchhandlung ein Buch eines ihm damals unbekannten Autors namens Michael Polanyi mit dem Titel 'implizites Wissen'. Er las es 'mit roten Ohren' in einem Zug durch: Hier behandelte einer genau jenes Thema, das ihn selbst umtrieb. Mit einem Buch zur Bedeutung von Polanyis Theorie für die Pädagogik ist Georg Hans Neuweg inzwischen ein Vermittler dieses Gelehrten im deutschen Sprachraum geworden, der im angelsächsischen Raum seit je grosses Ansehen geniesst.
Kathrin Meier-Rust in: NZZ am Sonntag, 33. 2006.