Mord im Dom

Jürgen Kehrer

Mord im Dom

Eine Kriminalgeschichte aus der Zeit Karls des Großen

1999,  Waxmann Schwarze Serie,  168  pages,  E-Book (PDF),  9,90 €,  ISBN 978-3-8309-5700-3

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Im Jahr 799 begegnen sich Papst Leo III. und der König der Franken, Karl der Große, in Paderborn. Der eine ist vor seinen Feinden in Rom geflohen, der andere denkt daran, sein Lebenswerk mit dem Kaisertitel zu krönen. Doch dann wird der Aufenthalt an den Quellen der Pader von rätselhaften Mordfällen überschattet. Als ersten trifft es Bischof Odoaker während einer Messe im Dom ...

Jürgen Kehrer, Verfasser zahlreicher Kriminalromane, hat mit Mord im Dom einen spannenden Mittelalter-Krimi geschrieben, der die historischen Ereignisse und Personen lebendig werden lässt.


Leseprobe

[...] Das Gespräch begann Odo zu langweilen. Er richtete sich im Sattel auf und beschattete die Augen mit der Hand, um im gleißenden Sonnenlicht besser sehen zu können. "Da ist ja das Dorf", rief er aufgeregt. "Sie veranstalten heute ein Thing. Und mein Vater wird dem Gericht vorsitzen."

Graf Ascarius, der für seine strenge Rechtsauslegung bekannt war, saß in der Mitte. Neben ihm hatten die scabini, die Rechtsgelehrten, Platz genommen. Sie brauchten keine Bücher, weil sie alle Gesetze und Kapitularien wortwörtlich aus dem Gedächtnis aufsagen konnten. Auf der anderen Seite des Tisches standen dicht gedrängt die Einwohner des neustrischen Dorfes. Das Langhaus war prall gefüllt mit Menschen, die gespannt auf den Beginn der Gerichtsverhandlung warteten.

Im ersten Fall ging es um einen Streit zwischen zwei Männern. Nach einer Zecherei waren die beiden wegen einer Nichtigkeit aneinandergeraten. Der Ankläger gab zu, daß er seinen Widersacher "Arschlecker" genannt habe. Dieser sei sogleich über ihn hergefallen, habe ihm mehrere Faustschläge verpaßt und dann, als er schon betäubt auf dem Boden lag, den Mittelfinger abgeschnitten. Der Ankläger, ein alter Mann mit verschmitztem Gesicht, hob die verunstaltete Hand. "Seht, edler Graf! Ich kann meine Arbeit nicht mehr so tun, wie ich es gewohnt bin. Als Müller brauche ich alle Finger." Graf Ascarius nickte und forderte den Angeklagten auf, nach vorne zu treten. Der Angeklagte war jünger und kräftiger als der Ankläger. Da es genügend Zeugen für die Rauferei gab, machte er keinen Versuch, die Tat zu leugnen. "Die Beleidigung hat mich rasend gemacht", sagte er reumütig. "Ich war außer mir vor Wut." "Warum hast du ihm den Finger abgeschnitten?" fragte Ascarius. "Ich weiß es nicht", gestand der Angeklagte. "Der Wein hat mir die Sinne geraubt." "Seid ihr bereit, in Zukunft Frieden zu halten?" wandte sich der Graf an beide Männer. "Wenn ich eine ausreichende Entschädigung für meinen Finger bekomme, werde ich ihm nichts nachtragen", sagte der Alte listig. "Und du, bist du willig zu zahlen?" fragte Ascarius den Angeklagten. "Ich werde meine Strafe auf mich nehmen", sagte der Jüngere, wobei er dem Alten einen wütenden Blick zuwarf. Er wußte, daß ihm keine andere Wahl blieb, als zu zahlen. Andernfalls würde er ausgepeitscht oder gefoltert werden.

Graf Ascarius beugte sich zu dem Rechtsgelehrten auf seiner rechten Seite. Dieser hatte bereits eifrig gerechnet, und der Graf beratschlagte jetzt leise mit ihm über die Höhe der Strafe. Dann verkündete Ascarius das Urteil: "Drei Fausthiebe werden mit neun Gold-Solidi bestraft. Für das Abschneiden des Fingers wird eine Strafe von dreißig Gold-Solidi verhängt." Ein Raunen ging durch die Menschenmenge. Neununddreißig Gold-Solidi waren ein enorm hoher Betrag, er entsprach dem Wert eines Zugochsen oder eines einfachen Sklaven. Ascarius bat um Ruhe. "Auf der anderen Seite haben wir eine Beleidigung, die wir mit fünfzehn Gold-Solidi ahnden. Somit muß der Angeklagte dem Ankläger vierundzwanzig Gold-Solidi zahlen."

Der Angeklagte verneigte sich stumm. Vierundzwanzig Gold-Solidi. Dafür würde er ein ganzes Jahr arbeiten müssen. Aber immer noch besser als hundert Peitschenhiebe, die er vielleicht nicht überleben würde (...)

author-info

Jürgen Kehrer wurde 1956 in Essen geboren und lebt als freiberuflicher Schriftsteller in Münster. Neben zahlreichen Kriminalromanen hat er Bücher zur Kriminalitätsgeschichte Münsters geschrieben. Mit "Der Kaufmann und die Tempelritter" legt er seinen vierten historischen Roman vor.

Bücher von Jürgen Kehrer im Waxmann Verlag: "Mord in Münster - Kriminalfälle aus fünf Jahrhunderten", "Schande von Münster - Die Affäre Weigand", "Tod im Friedenssaal", "Das Geheimnis der Tulpenzwiebel", "Mord im Dom".

Ebenso von Jürgen Kehrer stammt die im grafit Verlag erschienene Wilsberg-Reihe, aus der schon zahlreiche Romane für das ZDF verfilmt worden sind.

press

Eine spannende Zeitreise, keine Sekunde langweilig
Hartmut Winter auf: www.cosmos-apotheke-mannheim.de/Bücherecke-Kriminalromane

Das historische Ereignis wird hier nicht nacherzählt, sondern miterlebt: Geschichte zum Anfassen!
Aus: Stiftung Lesen - Leseempfehlungen 162, S. 23.

Ein interessantes und zugleich spannendes Buch, eine Geschichte, die in der Geschichte spielt. Gelungen.
Aus: Münsterländische Volkszeitung vom 25. Mai 2002.