Sundermann und der Tote ohne Herz

Andreas Busch

Sundermann und der Tote ohne Herz

Ein Münsterkrimi

2001,  Waxmann Schwarze Serie,  238  Seiten,  E-Book (PDF),  12,70 €,  ISBN 978-3-8309-6090-4

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Eine Wasserleiche an sich ist schon kein appetitlicher Anblick, erst recht nicht, wenn es sich dabei um den ehrenwerten Landesminister Mühlberger handelt. Der Leiche fehlen die inneren Organe, dafür hat man sie mit zentnerschweren Metallteilen vollgestopft. Wer tut so etwas? Das versuchen der Polizist Richard Kamphorst und der Liebesbriefautor Christian Sundermann, zwei Menschen, wie sie gegensätzlicher nicht sein können, herauszufinden.

Die chaotische Jagd nach dem Mörder führt sie von Münster bis nach Berlin. Immer wieder kommt es zu Begegnungen der eher seltsamen Art. Die Suche nach einem ganz bestimmten Motorrad spielt ebenso eine Rolle wie eine stöhnende Sekretärin, tonnenweise Blumen und ein gebildeter russischer Gangster. Am Ende führt die Spur dorthin zurück, wo sie begonnen hat ...


Leseprobe

Ich war, wie viele andere auch, rein zufällig am See, als sie den Minister herauszogen. Es war Mitte März, ein nachlässig in den blassen Himmel geplappertes Versprechen von Frühling lag in der Luft, und ich hatte mir meinen geliebten, altmodischen blauen Trainingsanzug und nagelneue Joggingschuhe mit integrierten Luftpolstern angezogen. Der See liegt mitten in unserer Stadt, fast im Zentrum, und ich fühlte mich etwas unwohl. Ich zeige mich nicht gern in Sportkleidung in der Stadt. Ich halte das für unhöflich meinen Mitmenschen gegenüber, die diese Höflichkeit allerdings kaum zu würdigen wissen.

Aber an jenem Morgen - gegen zehn Uhr, Mitte März, fast schon Frühling - war ich unhöflich, denn ich wollte laufen. Jetzt, da ich es endlich wieder konnte, wollte ich es tun. Einmal um den See herum. Dieses Gewässer mitten in der Stadt heißt Aasee, was bei auswärtigen Besuchern - Geschäftsleuten, Touristen - regelmäßig und zuverlässig für Heiterkeit sorgt. Oder für Erstaunen, Kopfschütteln oder Ratlosigkeit, je nach individueller Einstellung und persönlichem Befinden.

Seit Anfang Dezember hatte ich mir vorgenommen, um den Aasee zu laufen, zwei Mal in der Woche, einmal ganz herum. Laufen, nur laufen, weil ich es endlich wieder konnte. Allein. Dann kam der Frost, ungewöhnlich streng und hartnäckig für unsere Stadt, und ließ den See zufrieren. Alle Menschen, die gern Schlittschuh laufen, waren begeistert und verbrachten, wenn sie nicht berufstätig waren, ganze Tage auf dem Eis. Einmal versuchte ich in dieser Zeit, schätzungsweise am Anfang des Monats Februar, um den See zu laufen, aber der schmale Weg, mit roter Asche bedeckt wie ein wurmartiger Sportplatz und ideal für Jogger, war übersät mit Rucksäcken, Schlittschuhen, Eishockeyschlägern und frierenden Müttern und Vätern.

Ich gab auf. Ich gebe schnell auf, wenn viele Menschen um mich herum sind. Ich verlegte mein Lauftraining in die Zeit nach dem Frost.

Und jetzt stand ich vor dem rotweißen Absperrband und konnte nicht laufen, weil sie gerade den Minister aus dem Wasser zogen. Ich blieb stehen, obwohl mich tote Minister nicht im geringsten interessieren. Auch andere Tote nicht. Verbrechen sind mir zuwider. Ich hasse sie, denn sie zerstören Träume. Aus diesem Grund sehe ich mir nicht einmal mehr einen "Tatort"-Krimi im Fernsehen an. Ich werde doch nur enttäuscht. Es ist immer das gleiche: Ich habe es mir vor dem Fernsehgerät gemütlich gemacht, im Schlafanzug und mit einer Tasse frischen grünen Tee, eine hübsche junge Frau erscheint auf dem Bildschirm, oft hat sie blaue Augen und blonde Locken, sie gefällt mir, von Minute zu Minute immer mehr, ihre Bewegungen, ihre Stimme, fast verliebe ich mich in sie, ich fange an zu träumen, obwohl ich genau weiß, dass es nur ein Film ist. Ein paar Minuten später ist die Frau tot, jemand hat ihr die Kehle durchgeschnitten. Aber warum? Das versuchen die Kommissare im Fernsehen herauszufinden, aber mich interessiert es nicht mehr. Mir reicht es, dass man mir das Mädchen weggenommen hat, in dem Moment, in dem ich begonnen habe, von ihm zu träumen. Sie reißen es einfach heraus aus meinem Traum, aus purer Sensationslust, aus Freude am Verbrechen. Doch Verbrechen interessieren mich nicht.

Aber ich interessiere mich für Technik. Aus diesem Grund blieb ich am 12. März um zehn Uhr vormittags am Ufer des Aasees stehen und sah zu, wie sie den toten Minister herauszogen. Der korrekte Ausdruck heißt übrigens "bergen", der Begriff gilt auch für lebende Personen. Zur Bergung des toten Ministers wurde ein Abschleppwagen der Firma Holtmann benutzt, schwarz-gelb mit orangefarbenen Warnleuchten auf dem Dach. Es handelte sich um einen alten Mercedes-LKW, dem man, nachdem er fast zwanzig Jahre lang im Fernverkehr gelaufen war, den Aufbau - Pritsche mit Plane und Spriegel - abgeschnitten hatte. Jetzt war es vorbei mit den Auslandsreisen, wie ein altes Pferd erhielt er sein Gnadenbrot und machte sich ab und zu nützlich, indem er liegengebliebene Autos auf seine Ladefläche zog, die Hütten für den Weihnachtsmarkt an der Lambertikirche und vor der Stadtverwaltung abstellte und wieder wegräumte. Viel gab es nicht mehr für ihn zu tun, die Autos waren zuverlässiger geworden, blieben nicht mehr so häufig stehen, und Weihnachten war lange vorbei. Der Minister war für den alten Mercedes vom Typ 1626 ein Klacks, wenig Gewicht für eine 5-Tonnen-Winde, ein bisschen Sand und Schlamm zog er mit sich, die Böschung war nicht steil und kaum bewachsen. Die Taucher achteten darauf, dass der Minister durch das Stahlseil nicht unnötig beschädigt wurde, ich bemerkte, wie der Fahrer zusammenzuckte und seine Hände zitterten, als er die Seilwinde abstellte und erkannte, was er da an Land gezogen hatte.

Die Taucher watschelten ans Ufer wie riesige Enten und zogen sich die Gummimasken vom Kopf. Für sie war die Arbeit zu Ende, sie hatten jeder in einer Stunde 300 Mark verdient und froren nicht, denn sie waren an kaltes Wasser gewöhnt, und ihre Anzüge und ihre Ausrüstung waren teuer und gut.

Direkt hinter dem rotweißen Absperrband saß ein Polizist auf seinem Motorrad, schnauzbärtig und wachsam, und rauchte eine Zigarette. Ich kannte den Mann vom Sehen, auch er erkannte mich und nickte mir kurz zu. Ich bin genauso wie er in Münster aufgewachsen, woher genau wir uns kennen, weiß ich nicht, möglicherweise sind wir in der gleichen Schule gewesen, oder wir sind einander im Polizeipräsidium begegnet. Der Polizist saß auf einer BMW vom Typ K 75. Ob er gern damit fährt? Die K 75 hat einen modernen wassergekühlten Dreizylinder-Reihenmotor. Ich mag dieses Motorrad nicht. Es ist mir zu zweckmäßig, zu nüchtern. Es ist eine Maschine ausschließlich zum Fahren, nicht zum Träumen. Eine Maschine für Behörden, Beamte, nicht für Träumer. Ich aber träume gern, habe es immer getan. Und ich lasse mich ungern in meinen Träumen stören.

Autoreninfo

Andreas Busch, geboren 1955 in Berlin. Studium der russischen und englischen Sprache in Münster. Arbeitete unter anderem als Übersetzer, Motorradmechaniker, Gymnasiallehrer, Taxi- und LKW-Fahrer. Autor zahlreicher Fachartikel, Kurzgeschichten und Gothic-Romane. Lebt mit seiner Familie einen Steinwurf von Münster entfernt.

Pressestimmen

5 von 5 Sternen spannend und ein Ende das verblüfft. Rezensentin/Rezensent aus dem Münsterland: Dieser Krimi ist so ganz anders als andere Regionalkrimis,er ist sprachlich gelungen, das Ende verblüfft den Leser,es bleibt spannend bis zum Schluss.Und der "Held" des Romans Christian Sundermann wächst einem irgendwie ans Herz, auch wenn er ein recht merkwürdiger Zeitgenosse ist.
Amazon Kundenrezension vom 24. August 2002

[Es] kommt [...] immer wieder zu Begegnungen der eher seltsamen Art, bis das Ganze in einem ebenso furiosen wie kuriosen Finale endet, das selbst eingefleischte Krimi-Fans überraschen dürfte.
Ulli Kroeger im Sonntagsjournal der NORDSEE-ZEITUNG vom 2. Juni 2002, S. 32.

Frisch und zackig präsentiert Andreas Busch [...] eine "abgedrehte Geschichte". Angereichert durch Rückblenden aus dem Leben seines Protagonisten fügt sich ein ungewöhnliches Puzzle zusammen. [...] Der Plot gerät zu einem temporeichen Roadmovie und endet in einem furiosen Finale.
Aus: Hochschulradio Q 90,9 vom 28.02.2002.