Wolfgang Hörner

„Europa“ als Herausforderung für die Vergleichende Erziehungswissenschaft – Reflexionen über die politische Funktion einer pädagogischen Disziplin

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Abstract

Beim Lesen dieses Titels kann man sich fragen, wie ein Begriff, der auf den ersten Blick lediglich eine geographische Bestimmung darstellt, als „Herausforderung“ für eine wissenschaftliche Disziplin verstanden werden kann. Der Sinn der Themenformulierung wird deutlicher, wenn man beispielsweise einen Blick in den Studienplan der Universität Leipzig für den Magisterstudiengang „Erziehungswissenschaft“ wirft. Dort ist als Pflichtelement der Baustein „Vergleichende Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung des europäischen Einigungsprozesses“ aufgeführt. „Europa“ ist also nicht als bloß geographischer Begriff, sondern als politischer Prozeß gemeint. Es ist der Prozeß der europäischen Integration, zu dem die Vergleichende Erziehungswissenschaft in Beziehung treten soll. Das setzt voraus, daß der europäische Einigungsprozeß nicht nur einen politisch gesteuerten Prozeß darstellt, sondern (auch) als ein gesellschaftlicher Bewußtseinsprozeß verstanden wird, der möglicherweise Rückwirkungen auf den Gegenstand der Vergleichenden Erziehungswissenschaft hat. Inwieweit kann ein so verstandener Prozeß jedoch eine „Herausforderung“ für eine wissenschaftliche Disziplin darstellen? Damit ist die zweite Komponente der Themenformulierung angesprochen. Der Begriff „Herausforderung“ signalisiert, daß ein Prüfstein für die Grenzen der Leistungsfähigkeit gesetzt wird. Im Bereich des Sports wird dabei suggeriert, daß der Herausgeforderte sich bemüht zu beweisen, daß diese Grenzen noch nicht erreicht sind. Aus dem Bereich des Sports wurde der Begriff der Herausforderung u.a. auch auf die LeiTC, 2004, 10(2) 231 stungsfähigkeit von gesellschaftlichen Subsystemen, insbesondere von Wirtschaftssystemen übertragen (z.B. als „japanische Herausforderung“). Bezogen auf die „Leistungsfähigkeit“ einer wissenschaftlichen Disziplin setzt eine solche Themenformulierung natürlich voraus, daß konkrete Vorstellungen darüber bestehen, welche „Leistung“ man von der betreffenden Disziplin erwarten kann. Damit ist im vorliegenden Zusammenhang die Frage nach dem Selbstverständnis der Vergleichenden Erziehungswissenschaft gestellt. Die Frage nach dem Selbstverständnis muß aber insbesondere die Frage nach ihren möglichen Funktionen einschließen, die für einen solchen Prozeß eine Rolle spielen könnten.