Stefanie Samida

Populäre Geschichtsschreibung im 19. Jahrhundert: Motive und Strategien archäologischer Erzähler

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Abstract

Wie kein anderer vor ihm popularisierte Heinrich Schliemann mit seinen Ausgrabungen und Entdeckungen – vor allem in Troia – die noch junge Prähistorische Archäologie. Er verstand es, durch seine Presseberichte und Monographien eine breite Masse in seinen Bann zu ziehen und beim Leser seiner Publikationen ›Stimmung‹ und ›Zuneigung‹ zu wecken – ganz im Stile der damals äußerst populären Reisebeschreibungen. Sie sollten ihre Leser in erster Linie unterhalten, und dazu gehörte es, Geschichten in der Geschichte zu schreiben, also etwa über außerordentliche Strapazen und seltsame oder gefährliche Ereignisse zu berichten sowie Anekdoten über merkwürdige Vorfälle zu erzählen. In dieser Art ging auch Schliemann vor. Typisch sind etwa seine Schilderungen von Problemen mit der osmanischen Regierung, Erzählungen vom Kampf mit schlechtem Wetter, seinen Arbeitern und Krankheiten sowie von alltäglichen Entbehrungen. Er nutzte also verschiedene narrative Elemente in seinem archäologischen Œuvre. Ganz anders zeigt sich dagegen die populäre Arbeit Carl Schuchhardts über »Schliemann’s Ausgrabungen in Troja, Tiryns, Mykenae, Orchomenos, Ithaka im Lichte der heutigen Wissenschaft «. Wie Schliemanns Werke verfolgte auch sie das Ziel, ein großes gebildetes Publikum zu erreichen und diesem eine klare Anschauung von den Ergebnissen der Lebensarbeit Schliemanns zu verschaffen. Der Beitrag arbeitet zum einen die Erzählstrategien und Motive der beiden Protagonisten heraus; zum anderen macht er deutlich, dass diese Strategien und Motive nur im Zusammenspiel mit der Kenntnis der jeweiligen Biographie zu verstehen sind. Biographik – so die These – ist ohne Narratologie nicht vorstellbar.
Schlüsselwörter: Wissenschaftsgeschichte; 19. Jahrhundert; Prähistorische Archäologie; Reisebericht; populäre Geschichtsschreibung

Henry Schliemann popularized prehistoric archaeology by his spectacular excavations and inventions especially in ancient Troy. He attracted a lot of public attention by his articles in newspapers and by his monographs according to the most popular travelogues at that time. Travelouges wanted to entertain their readers, therefore it was common to tell stories within the story (e. g. stories about extrem strains or about mysterious and dangerous incidents). Schliemann acted similarly when he reported on administrative barriers, told his readers about his ›fights‹ with the bad weather, his workers or sickness. Obviously, he used various narrative elements in his archaeological texts. The popular work of the prehistorian Carl Schuchhardt on »Schliemann’s Ausgrabungen in Troja, Tiryns, Mykenae, Orchomenos, Ithaka im Lichte der heutigen Wissenschaft «, however, is quite different. Similar to Schliemann’s work this monograph achieved the aim to reach a wide and well-educated audience but arises from rather different motives. The paper discusses on the one hand strategies and motives of both protagonists’ texts; it illustrates on the other hand that these strategies and motives can only be understood if the particular biography is well known. Biographik, this is the hypothesis, cannot be conceivable without Narratologie.
Keywords: History of Archaeology; 19th Century; Prehistoric Archaeology; Travelogue; Popular Historiography