Philipp W. Stockhammer

Von der Postmoderne zum practice turn: Für ein neues Verständnis des Mensch-Ding-Verhältnisses in der Archäologie

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Abstract

Weder die Prozessuale noch die Postprozessuale Archäologie konnten mit ihrem Verständnis des Mensch-Ding-Verhältnisses dem Verflochtensein der Menschen und der Dinge gerecht werden. Beiden liegt die anthropozentrische Annahme zugrunde, dass dieses Verhältnis wesentlich von menschlicher Intentionalität bestimmt ist. Das Ding-Mensch-Verhältnis wird dabei allein vom Menschen her gedacht. Die material culture studies und die workplace studies haben in den letzten Jahren jedoch gezeigt, wie Dinge Handlungen auslösen bzw. selbst Handlungsträger sein können und bieten somit ein empirisches Korrelat zum Habituskonzept Pierre Bourdieus und der Aktor-Netzwerk-Theorie Bruno Latours. Ich denke, dass die Zeit reif ist, den practice turn der Kultur- und Sozialwissenschaften auch in der Archäologie zu vollziehen. Dies bedeutet kein Verwerfen der prozessualen und postprozessualen Ansätze, sondern deren Ergänzung um wichtige Erkenntnisse: Zwischen Mensch und Ding herrschen komplexe Verflechtungen, die auf gegenseitigen Abhängigkeiten beruhen. Menschen verfolgen mit den Dingen vielfältige Intentionen, fühlen sich aber auch durch die Dinge zum Handeln bewegt bzw. gedrängt. Menschen kommunizieren durch Objekte, aber auch mit Objekten im Rahmen sozialer Praktiken. Im zweiten Teil meines Beitrages zeige ich am Beispiel der Aneignung ägäischer Keramik an der spätbronze- und früheisenzeitlichen südlichen Levante, welche transformative Kraft dem Mensch-Ding-Verhältnis im Rahmen von Aneignungsprozessen erwächst.
Schlüsselwörter: Mensch-Ding-Verhältnis, Aktor-Netzwerk-Theorie, Aneignung, Spätbronzezeit, Levante

The epistemological basis of neither processual nor post-processual archaeology has successfully managed to disentangle the complex relationship between humans and things. Both approaches are based on the anthropocentric notion that the relation between humans and things is guided by human intentionality and conceptualized from a human perspective. Within the last few years, material culture studies and workplace studies have demonstrated how things can trigger practices or have an agency of their own. These studies have empirically correlated Pierre Bourdieu’s habitus concept and Bruno Latour’s Actor-Network-Theory. In my view, it is time to extend the practice turn of Culture and Social Anthropology to Archaeology, which should not lead archaeologists to refuse processual and post-processual approaches but to supplement them with the following insights. Humans and things are connected by complex entanglements which are based on a mutual dependence. Humans use things with multiple intentions, but at the same time feel that things move or force them to act. Humans communicate through objects but also with objects in the context of social practices. Subsequently, I demonstrate the transformative power of the human-thing-entanglement within processes of appropriation by drawing on contextual analyses of Aegean-type pottery at the southern Levant in the Late Bronze and Early Iron Ages.
Keywords: Human-Thing-Entanglement, Actor-Network-Theory, Appropriation, Late Bronze Age, Levant

APA citation
Stockhammer, P. (2011). Von der Postmoderne zum practice turn: Für ein neues Verständnis des Mensch-Ding-Verhältnisses in der Archäologie. EAZ – Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift, 52 (2), . Retrieved from https://www.waxmann.com/artikelART101282