Nils Müller-Scheeßel

»Forschungsgeschichte« einmal anders: Soziale, politische und ökonomische Einfl üsse auf Ausgrabungen in ältereisenzeitlichen Grabhügeln Süddeutschlands

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Abstract

Über den sozialen und gesellschaftlichen Kontext einer grundlegenden archäologischen Tätigkeit – der Ausgrabung – ist trotz eines in den letzten Jahren verstärkten wissenschaftsgeschichtlichen Interesses noch relativ wenig bekannt. Anhand einer ursprünglich nicht wissenschaftsgeschichtlich orientierten Datensammlung zu ältereisenzeitlichen Bestattungsplätzen in Baden-Württemberg und Bayern diskutiert der vorliegende Beitrag die Ausgrabungsfrequenzen und die soziale Herkunft der Ausgräber zwischen 1800 und 2000. Es lassen sich vier Hauptphasen herausarbeiten, die stark mit großpolitischen Ereignissen und schwerwiegenden konjunkturellen Einschnitten (u.a. 1. und 2. Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise) korrelieren. Während sich die erste Ausgräbergeneration hauptsächlich aus dem adeligen oder geistlichen Milieu rekrutierte, dominieren ab 1880 Ausgräber mit einem bürgerlichen Hintergrund. Ferner wird deutlich, dass die zwischen Baden-Württemberg und Bayern bestehenden strukturellen Unterschiede auch Auswirkungen auf den Kreis der Ausgräber und ihre zeitlichen Tätigkeitsschwerpunkte hatten. Der Beitrag schließt mit methodologischen Bemerkungen zum Stellenwert fachspezifischer wissenschaftsgeschichtlicher Arbeiten von Historikern und Archäologen.
Schlüsselwörter: Forschungsgeschichte; Ausgrabungswesen; soziales und politisches Umfeld; Süddeutschland

Despite a growing interest in the history of archaeology during the last years still relatively little is known about the social context of the basic archaeological activity of excavating. With the help of a compilation of data concerning cemeteries of the Early Iron Age in Baden-Wurttemberg and Bavaria, which was originally not meant to be used for historical research, this article discusses the excavation frequencies and the social origin of excavators between 1800 and 2000. Four main phases that strongly correlate with large-scale political and economic events (e.g. 1st and 2nd World War, Great Depression) can be distinguished. While the first excavators’ generation was recruited primarily from the nobility or clergy, from 1880 onwards excavators with a middle-class background dominate. The article closes with methodological remarks on the relationship of historians and archaeologists in working towards a history of archaeology.
Keywords: History of research; excavations; social and political context; Southern Germany