Wolfgang Hörner

Von der Autonomie der Pädagogik zur Autonomie des Schulsystems – Zum Wandel eines erziehungswissenschaftlichen Problems

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Abstract

Beim Lesen des Vortragstitels mag vielleicht mancher sich die Frage stellen, welchen Sinn es haben kann, im Jahr 1991 den Gedanken von der „Autonomie der Pädagogik“ aufzugreifen? Vielleicht kann der Blick in ein bis vor kurzem gültiges Schulgesetz eine erste Antwort geben: § 1 des „Gesetzes über das einheitliche sozialistische Bildungssystem“ der DDR vom 25.2.1965 bestimmte: „Das Ziel des einheitlichen sozialistischen Bildungssystems ist (...) die Bildung und Erziehung (...) sozialistischer Persönlichkeiten.“2 Daraus folgte für den Lehrer: „Die Lehrer erziehen ihre Schüler im Geist des Sozialismus (...) zur Bereitschaft, die Errungenschaften ihrer sozialistischen Heimat zu verteidigen.“ 3 Die Schule wurde also in den Dienst der Parteiideologie gestellt, der Lehrer wurde zum Propagandisten dieser Ideologie. Nach dem Umbruch in der DDR stand gerade diese „ideologische Okkupation“ der Schule im Mittelpunkt der Kritik. Bereits die „Thesen zur Schulreform“, die im März 1990 noch unter der Modrow-Regierung veröffentlicht wurden, klagen die „starken Tendenzen der faktischen Mißachtung der individuellen und kollektiven Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Lehrenden“ an, die eine Folge der „Unterordnung der Bildungsangelegenheiten unter die Politik und Leitung einer ,Staatspartei‘ seien“ (Thesen 1990: 4). Daraus wurde die Forderung abgeleitet: „Das Grundrecht der freien Entfaltung der Individualität schließt die Eigenverantwortung und Entscheidungsfreiheit der Lehrenden und Lernenden (...) ein. (...) Die Bildungsfreiheit der Lehrenden und die Unantastbarkeit ihrer fachlichen und TC, 2004, 10(2) 187 pädagogischen Kompetenz bilden eine Grundvoraussetzung für ein demokratisches Bildungswesen“ (ebd.: 8). Schon dieser frühe Reformentwurf, der sich im wesentlichen noch einem sich reformierenden Sozialismus verbunden wußte, reklamiert also die Eigenständigkeit und Freiheit des Lehrens gegenüber Ansprüchen von außen, also etwas, was nach der deutschen Tradition unter den Begriff der „pädagogischen Autonomie“ oder der „Autonomie der Pädagogik“ gefaßt werden kann. Von der Autonomie der Pädagogik zu sprechen, scheint dem nach, wie das Beispiel zeigt, über ein bloß historisches Interesse hinauszugehen. Ich möchte im folgenden deshalb versuchen, einige unterschiedliche Bedeutungen des Begriffs „Autonomie“ in der Erziehungswissenschaft zu reflektieren und dabei zu zeigen, welchen Stellenwert dieser Begriff für die erziehungswissenschaftliche und bildungspolitische Diskussion heute noch haben kann. Geht man, wie das Negativbeispiel der DDR-Schule nahe legt, von der Notwendigkeit einer – wie auch immer gearteten – Autonomie der Schule aus, so können diese Reflexionen zudem die Funktion bekommen, unterschiedliche Begründungsmuster für die Autonomie der Schule vorzustellen. Der im Titel angesprochene Begriff des „Wandels“ verweist dabei auf die historische Dimension der Ausführungen. Da bei der Analyse der Blick bewußt über die Grenzen der Bundesrepublik hinausgehen wird, soll – gewissermaßen als methodisches Nebenprodukt – aber auch deutlich gemacht werden, was die internationale Erweiterung des Beobachtungsfeldes für die Erhellung des Problems leisten kann.