Aktuelles/Actualities
48. Jahreskonferenz der Comparative and International Education Society (CIES)Vom 9.-12. März 2004 hielt die nordamerikanische Gesellschaft für Vergleichende Erziehungswissenschaft ihren Jahreskongress in Salt Lake City im Staat Utah ab. Das Thema lautete: Development as Freedom: The Role of Education. Die Thematik forderte dazu heraus, den Begriff der Entwicklung kritisch zu überdenken unter der Fragestellung, ob das vorwiegend ökonomisch geprägte Verständnis von Entwicklung wirklich die Freiheit derer fördert, die von "Entwicklung" profitieren sollen. "Freiheit" wurde vor allem im Sinne demokratischer Beteiligung verstanden. So waren in diesem Kongress die Thematiken der Menschenrechte und der Bürgerrechte stark vertreten, kritische Betrachtungen der Vorstellungen von der Gobalisierung wurden angeregt, Dezentralisierung war ein Leitmotiv mehrerer Beiträge, Ungleichheit wurde wiederholt thematisiert, über das Programm "Education for All" wurde kontrovers diskutiert. Die Teilnehmerzahl stieg gegenüber den vorhergehenden Jahren weiter an, ca. 730 Teilnehmer waren registriert und fast alle von ihnen waren mit Beiträgen vertreten. Wenn man die Geschichte der CIES zurückverfolgt, so muss man von einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte sprechen. Die Vergleichende Erziehungswissenschaft hat an nordamerikanischen Universitäten inzwischen einen hohen Stellenwert und steigert ihn noch. Wenn einzelne Zentren an Bedeutung verloren, wie z.B. Buffalo, so gewannen andere wie z.B. Pittsburgh. Manche Zentren bleiben konstant bedeutungsvoll wie z.B. das Ontario Institute for Studies in Education. Wie immer sind bei der nordamerikanischen Konferenz viele Forscher aus anderen Ländern anwesend, wenngleich es schien, dass es in diesem Jahr nicht mehr so viele waren - vielleicht ein Zeichen von Geldmangel oder auch - wie manche amerikanischen Kollegen vermuteten - eine Folge erhöhter Schwierigkeiten der Einreise in die USA für Bürger einer ganzen Reihe von Ländern seit dem 11. September 2001. Auf jeden Fall profitiert die nordamerikanische Vergleichende Eziehungswissenschaft von ihrer engen Zusammenarbeit mit Forschern in anderen Ländern. Unter den Orten in anderen Ländern ragen einige in Asien heraus, besonders zur Zeit HongKong. An einigen asiatischen Universitäten nimmt die Vergleichende Erziehungswissenschaft offensichtlich einen beachtlichen Aufschwung. Auch australische Wissenschaftler zeigten eine starke Präsenz. Ein bedeutender Faktor für das Wachstum der nordamerikanischen Vergleichenden Erziehungswissenschaft ist die hohe Zahl von Doktoranden. Auf diesem Kongress wurde das Programm in starkem Masse - vielleicht zur Hälfte - von Doktoranden bestritten, amerikanische Doktoranden oder ausländische Doktoranden an amerikanischen Universitäten. Sie boten in der Regel informative, gut strukturierte Kurzvorträge und waren geschult in wissenschaftlichen Diskussionen. Durch ihre Vorträge erhielten die Teilnehmer aktuelles problembezogenes Wissen über Entwicklungen in einzelnen Ländern. Herausragend war die breite Information über die Entwicklung des Bildungswesens, besonders des Hochschulwesens in den chinesischen Staaten. Die kanadische Forscherin Ruth Hayhoe, die über Jahrzehnte als Kennerin der chinesischen Bildung hervorgetreten ist, hatte mehrere Sitzungen zu dieser Thematik vorbereitet. Anlässlich des Erscheinens ihrer Autobiographie wurde sie geehrt. Auch zum russischen Hochschulwesen wurden aktuelle detaillierte Informationen geboten (Serei Shirobokov, State University of New York, Cortland). Raum nahm in dieser Konferenz auch die Friedensthematik ein. Mitarbeiter der NGO "Creatives Associates International, Inc." in Washington D.C. berichteten über ihre Programme der Unterstützung von Gesprächsfähigkeit zwischen Konfliktparteien in Angola und Afghanistan unter dem Thema: "Building a Culture of Critical Dialogue". (www.caii.net) Gewaltprävention im brasilianischen Jugendsozialwesen war ein Thema von Timothy Locher (University of Pittsburgh). Meist betrafen die friedenspädagogischen Themen Situationen nach bewaffneten Konflikten, jedoch wurden auch friedenspädagogische Initiativen im Nahen Osten angesprochen (Christa Bruhn, University of Wisconsin/Madison). Eindrucksvoll war die Sitzung, die Michael E. Perko von der Loyola University in Chicago über die Bedeutung von Religionen und Kirchen im Bildungswesen Israels, Nordirlands, Russlands, Pakistans und des Iran veranstaltete, weil die tatsächliche Bedeutung und anhaltende Kraft der Religionen zur Vereinigung und auch zur Trennung deutlich wurde. Die Fülle der Analysen von Entwicklungen, der Projektbeispiele und Fallbeispiele, die alle fünf Kontinente umfassen, belegte eindrucksvoll die Lebendigkeit der Vergleichenden Erziehungswissenschaft in Nordamerika. Der einzelne Besucher konnte höchstens ein Zwölftel des gesamten Angebotes wahrnehmen. Aus den europäischen Ländern waren Forscher aus dem Vereinigten Königreich, aus Frankreich, Russland und aus Schweden und Norwegen präsent, während aus Deutschland der Berichterstatter dieses Mal als einziger angereist war - mit einem Beitrag zu einem Konzept der menschheitlichen Pädagogik als gedankliches Angebot an die Vergleichende Erziehungswissenschaft. Die geringe deutsche Beteiligung ist wirklich ein Anlass zur Sorge. Das Interesse an der Vergeichenden Erziehungswissenschaft in Deutschland ist seitens der Forscher in Nordamerika, in Japan und anderen Ländern nach wie vor gross. Der Dialog ist fruchtbar, zumal Teilnehmer an diesen Konferenzen nicht nur fachlich gewinnen, sondern auch eine akademische Kultur kennenlernen, die deutsche Akademiker im selbstkritischen Sinne nachdenklich machen kann. Die Gastfreundschaft seitens der Brigham Young University war beeindruckend, dennoch war es nicht leicht, sie unbeschwert zu geniessen, wenn man sich die Frage stellte, wie inmitten einer freiheitlichen Zivilisation eine Universität ihren Stolz darin sehen kann, sich nach einem verbrecherischen Menschen zu benennen. (Zum Stand der historischen Forschung siehe z.B.: Richard Abanes: One Nation under Gods. A History of the Mormon Church. New York 2003.) Während der CIES-Konferenz wurde ein Ausblick auf den 12. Weltkongress des World Council for Comparative Education Societies (WCCES) gegeben. Er wird vom 25. bis 29. Oktober 2004 in Havanna, Kuba, unter dem Thema "Education and Social Justice" stattfinden. Auf kubanischer Seite bereitet ihn Prof. Elvira Martin Sabina vor. Wer teilnehmen möchte, sollte sich bald über die Webseite des WCCES informieren und anmelden. Die 21. Konferenz der Comparative Education Society in Europe (CESE) vom 27. Juni bis 1. Juli 2004 in Kopenhagen unter dem Thema "Multiple Identities, Education and Citizenship. The World in Europe; Europe in the World" wurde ebenfalls avisiert. Die Anmeldefrist wurde verlängert. Anmeldungen können über die Webseite der Konferenz erfolgen. Dietmar Waterkamp 20. Kongreß der Comparative Education Society in Europe (CESE)Vom 15. bis 19. Juli 2002 fand in London, am Institute of Education der University of London, der 20. Kongreß der CESE statt, der unter dem Thema stand: "Toward the End of Education Systems? Europe in a world perspective". Etwa 200 Teilnehmer besuchten den Kongreß, darunter vier deutsche. Neben Mitgliedern europäischer Gesellschaften für Vergleichende Erziehungswissenschaft, unter denen mindestens zehn griechische Kolleginnen und Kollegen waren und zahlreiche britische Kolleginnen und Kollegen anzutreffen waren, zeigten sich viele Mitglieder asiatischer Gesellschaften: etwa acht Kolleginnen und Kollegen aus einer der chinesischen Gesellschaften, etwa gleich viele japanische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen und wenigstens zwei Koreaner. Aus Südafrika kamen wenigstens neun Teilnehmer. Das Thema der Konferenz klang herausfordernd, wenn nicht gar provokativ. Wie üblich bei CESE-Konferenzen wurde die Arbeit in einige Plenarvorträge und kontinuierliche Gruppenarbeit geteilt. Sieben Arbeitsgruppen trafen sich täglich parallel, die Zeiten für die Vorträge in den Gruppen waren festgelegt, so daß Teilnehmer ggf. von Gruppe zu Gruppe wandern konnten, um Vorträge ihrer Wahl zu hören. Nur die erste Arbeitsgruppe griff das Thema "The End of Educational Systems?" auf, die übrigen folgten weniger provokativen Überschriften, die Wandel und "Rekonstruktion" von Bildungssystemen thematisierten. Die Herausforderung des Rahmenthemas kam in dem Eröffnungsvortrag für das Plenum von Prof. Andy Green vom gastgebenden Institut zum Ausdruck. Er legte dar, daß die hohe Zeit des staatlichen Einflusses auf das Bildungssystem unter dem Einfluß der Globalisierung zu Ende gehe. Der Berichterstatter arbeitete in der Gruppe 7 mit, die von Prof. Zlata Godler aus Zagreb, Vizepräsidentin der CESE, geleitet wurde, und sich mit einzelnen europäischen Ländern befaßte. In den Vorträgen kamen Unterschiede zwischen den skandinavischen Staaten in der Bildungspolitik zur Sprache, ferner die wachsende Bewegung der "Home Education" in dem zentralistischer werdenden Norwegen und die Schwierigkeiten der Bildungsforschung in Estland. Ein qualitativer Vergleich zwischen Schulen Frankreichs, Englands und Dänemarks, wurde von Prof. Patricia Broadfoot aus Bristol vorgestellt, die Entwicklung der türkischen Bildung zwischen säkularer und islamischer Orientierung war das Thema von Prof. Andreas Kazamias aus Athen bzw. Madison. Der Berichterstatter sprach über Stärken und Schwächen des Lehrlingswesens in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Am Rande der CESE-Konferenz tagte auch der Exekutivrat des Weltrates der Gesellschaften für Vergleichende Erziehungswissenschaft (World Council) und beschloß in einer heftig umstrittenen knappen Entscheidung, die nächste Weltkonferenz im Sommer oder Herbst 2004 in Kuba abzuhalten, nicht, wie die CESE es gerne gesehen hätte, in Kopenhagen. Diese Entscheidung hebt den bisherigen Rhythmus der beiden zweijährlich stattfindenden Konferenzen auf, die sich bisher in jedem Jahr abwechselten, so daß für die CESE eine schwierige Situation entstand. Es wurde noch keine Entscheidung über den Ort einer CESE-Konferenz im Sommer 2004 getroffen, in Frage kommen Kopenhagen oder Griechenland. Der Vorstand der CESE erhofft sich eine Entspannung des Verhältnisses zum Weltrat unter einer neuen Führung des Weltrates. Dietmar Waterkamp
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