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Ursula Meyer

Endstation Aasee

Ein Münsterkrimi mit Sieglinde Züricher


Leseprobe

(…) Die Ampel sprang auf Grün, Kotte, froh, daß es endlich weiterging, legte den ersten Gang ein und ließ den Transporter leicht vorwärtsrollen, aber sein Vordermann rührte sich nicht von der Stelle. Aus mehreren Wagen hinter ihm drang ärgerliches Hupen, auch das zeigte keinerlei Wirkung. An ein Überholen war nicht zu denken, der Gegenverkehr ließ nicht die kleinste Lücke.

Die Ampel wurde gelb und wieder rot. Und auch Kotte sah plötzlich Rot. Er war ein freundlicher Mensch, aber auch ein temperamentvoller. Das Herauspolken der alten Wanne hatte ihn mehr Zeit gekostet als eingeplant. Warum fuhr dieser Trottel denn nicht? Jemand, der sich ein Auto der Luxusklasse leistete, mit einem Kennzeichen, als hätte er seine eigene Talkshow bei RTL, und dann badenging wie ein Fahrschüler in der ersten Übungsstunde? Kotte dachte daran, daß der Abladeplatz für Sondermüll nur über die Autobahn zu erreichen war und daß auf der Hansalinie Richtung Hamburg am Montag nachmittag ein nervenzerrendes stop-and-go herrschte … Wütend löste er den Sicherheitsgurt und stieg aus. Dieser Schlafmütze würde er es zeigen. Er sah, daß das Fenster auf der Fahrerseite heruntergedreht war, beugte sich vor, um diesem "Lahmheini" die Meinung zu geigen, und prallte erschrocken zurück …

Der Fahrer war über das Lenkrad gekippt und mit dem Kopf auf das Armaturenbrett geschlagen, sein linker Arm hing schlaff herunter. Das zum offenen Fenster gedrehte Gesicht zeigte eine blaurote Verfärbung und weit geöffnete Augen, die starr zur Wagendecke gerichtet waren. Aus seinem halboffenen Mund tropfte ein dünner Speichelfaden auf die hellgraue Hose, aber Blut war nirgendwo zu sehen … Als Handwerksmeister hatte Kotte öfter mit Arbeitsunfällen zu tun, die auch nicht immer appetitlich aussahen. Sobald er den ersten Schrecken überwunden hatte, rannte er zu seinem Transporter und verständigte die Rettungsleitstelle. Obwohl er vermutete, daß diesem Menschen nicht mehr zu helfen war, schien ihm der Notarzt die geeignete Adresse. Mochten diese abgebrühten Burschen, die ständig mit Baulicht und Martinshorn durch die Stadt jagten, entscheiden, was passiert war … Auch andere Autofahrer hatten inzwischen ihre Fahrzeuge verlassen, um einen Blick auf den Unglückswagen zu werfen, aber man blieb in sicherer Entfernung und beschränkte sich auf Vermutungen. Die Worte Herzversagen oder Gehirnschlag fielen mehrfach, aber dann redete jemand auch von Lebensmittelvergiftung. Er hätte mal einen Bekannten nach dem Genuß von verdorbenen Austern gesehen …

Notarzt und Sanitäter trafen schnell ein. Der Arzt warf einen Blick auf den reglosen Mann, streifte Nylonhandschuhe über, öffnete die Wagentür und beugte sich hinein. Er tastete die linke Halsschlagader ab, versuchte es dann auf der rechten Seite, wobei ihm die eigentümliche Drehung des Kopfes Schwierigkeiten zu machen schien. Er fühlte auch den Puls der rechten Hand, die das Lenkrad umklammerte, und zog eine winzige Taschenlampe aus der Brusttasche seines weißen Mantels, um in die starren Pupillen zu leuchten. Dann rannte der Sanitäter zum Einsatzwagen und kehrte mit Sauerstoffmaske und Respirator zurück. Das Publikum sah die beiden eine Weile über den Fahrer gebeugt, dessen Kopf nun an der Nackenstütze lehnte. Aber die Beatmung schien erfolglos zu verlaufen, denn die beiden kehrten aus ihrer gebückten Haltung zurück, und der Sanitäter lief wieder zum Wagen und telefonierte …

Der Tod eines Münsteraner Prominenten – Schulleiter, Musiker, Kunstsammler und Kommunalpolitiker – wirft für Sieglinde Züricher, soeben zur Münsteraner Polizei übergewechselt, zahlreiche Rätsel auf: Handelt es sich bei dem Mord an Rehberg um einen Racheakt, oder ist er die Folge eines familiären Dramas, dem auch sein Sohn Christian zum Opfer gefallen ist?

siehe auch

Münster – Weimar und zurück Sieglinde Zürichers zweiter Fall
Rosen aus Münster Sieglinde Zürichers dritter Fall
Auf der Promenade wartet der Tod Sieglinde Zürichers vierter Fall
Das Haus am Maikottenweg Sieglinde Zürichers fünfter Fall
… brenne auf mein Licht Sieglinde Zürichers sechster Fall
Der Tod kennt keinen Stundenplan Sieglinde Zürichers siebter Fall
Tod im Spieker. Sieglinde Zürichers achter Fall

Autoreninfo

Ursula Meyer ist neben Jürgen Kehrer die produktivste und qualitativ beste Verfasserin von Lokalkrimis aus Münster (…). Ihre Romane zeichnen sich durch genaue Ortsbeschreibungen und gute Charakterisierungen aus. Geschickt legt sie mehrere falsche Fährten. Kennzeichen ihrer Romane sind jeweils eine Dienstreise von Sieglinde Züricher (…) und eine literarische Anspielung.
Jost Hindersmann in: Lexikon der Kriminalliteratur. 40. Erg.-Lfg. 02/2003.

Pressestimmen

Trotz gewisser Strecken und einer Dialogvielfalt will man auf die Tube drücken, bleibt die Handlung doch stets spannend und entwirrt sich erst zum Schluss, durchaus mit Überraschungseffekten. [..] Ausdauernd, beherzt, charmant löst Sieglinde die Fälle!
In: Das Dosierte Leben, No. 42, Rehzensionen


1998, Waxmann Schwarze Serie, 292 Seiten, br., 12,70 EUR, ISBN 978-3-89325-650-1

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