Im Zuge der beschleunigten Industrialisierung entwickelte sich aus Technikern und Ingenieuren in der zweiten Hälfte des 20. jahrhunderts ein neuer "Berufsstand". Diesem gelang es über Jahrzehnte hinweg nicht, eine gesellschaftliche Stellung einzunehmen, die seiner wachsenden Bedeutung im industriellen System entsprochen hätte. Rang und Einfluß blieben weiterhin den traditionellen Bildungseliten – vor allem Juristen, Historikern und Theologen – vorbehalten. Um ihren Anspruch auf Anerkennung und Statusverbesserung Nachdruck zu verleihen, bemühte sich die Technische Intelligenz in der Öffentlichkeit vehement darum, die Technik als "Kulturfaktor" schlechthin und die Angehörigen ihrer Berufsgruppe als "Kulturpioniere" darzustellen.
Der vorliegende Sammelband analysiert exemplarisch, wie die "Kulturfunktion" der Technik als ein zentrales Theorem und Argument der Techniker und Ingenieure für sozialen Aufstieg und gesellschaftliche Anerkennung genutzt und instrumentalisiert wurde:
- im Prozeß der Emanzipation und Professionalisierung der Technischen Intelligenz,
- bei bedeutenden Ingenieuren des Kaiserreichs,
- in der Kultur- und Gesellschaftskritik der 20er Jahre,
- bei der Funktionalisierung der Technik durch den Nationalsozialismus,
- für die Legitimation zur Einführung neuer Leittechnologien sowie
- in Technikgeschichtsschreibung und musealer Präsentation.
Dieses Buch verbindet methodisch neuere Ansätze der Sozialgeschichte, der Technikgeschichte und der politischen Ideengeschichte und ist ein wichtiger beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Technischen Intelligenz sowie zur Technikrezeption und Politischen Kultur in Deutschland zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik.
Aus dem Inhalt
1. Kulturfortschritt oder Kulturdeformation?
Burkhart Dietz, Michael Fessner und Helmut Maier
Der "Kulturwert der Technik" als Argument der Technischen Intelligenz für sozialen Aufstieg und Anerkennung
Hans-Joachim Braun
Technik als "Kultuehebel" und "Kulturfaktor"
Zum Verhältnis von Technik und Kultur bei Franz Reuleaux
Michael Fessner
Carl Julius von Bach und die "allgemeinen Kulturaufgaben" der Ingenieure
Torsten Meyer
Zwischen Ideologie und Wissenschaft
"Technik und Kultur" im Werk Werner Sombarts
Maria Osietzki
Das symbolische Kapital der Technik
Ein kulturhistorischer Blick auf die Elektrifizierung
Burkhart Dietz
"Technik und Kultur" zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus
Über das sozio-kulturelle Profil der "Zeitschrift des Verbandes Deutscher Diplom-Ingenieure" (1910–1941)
2. Technikgeschichte ist Kulturgeschichte
Volker Husberg
Technikgeschichte als Kulturgeschichte
Carl Graf von Klinckowstroem
Wolfhard Weber
Kulturgeschichte der Technik?
Versuch einer Annäherung an Freidrich Klemm
Uwe Beckmann
Technische Kulturdenkmale als Objekte technicscher Kultur bei deutschen Ingenieuren und Heimatschützern
3. "Kultur" versus "Zivilisation"
Andreas Zilt
"Reactionary modernism" in der westdeutschen Stahlindustrie?
Technik als Kulturfaktor bei Paul Reusch und Hubert Hauttmann
Stefan Willeke
Die Technokratiebewegung zwischen den Weltkriegen und der "Kulturfaktor Technik"
Michael Mende
"Kunst der Technik oder die Technik der Kunst"
Carl F. W. Borgward und sein Architekt Rudolf Lodders
4. Vom Zentrum der Macht zur Atomeuphorie
Helmut Maier
Nationalsozialistische Technikideologie und die Politisierung des "Technikerstandes"
Fritz Todt und die Zeitschrift "Deutsche Technik"
Barbara Orland
Der Zwiespalt zwischen Politik und Technik
Ein kulturelles Phänomen in der Vergangenheitsbewältigung Albert Speers und seiner Rezipienten
Bernd-A. Rusinek
Kernenergie, Kernforschung und 'Geschichte'
Zur historischen Selbst- und Fremdeinordnung einer Leitwissenschaft
"Dieses Buch … ist ein wichtiger Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der Technischen Intelligenz sowie zur Technikrezeption und Politischen Kultur in Deutschland zwischen Kaiserreich und früher Bundesrepublik."
(Aus: Nachrichtenblatt Technik, Wissenschaft und Industrie, Herbst/Winter 1996,
S. 30–31.)
"Spannender Lesestoff, der Gedanken für die Zukunft anregt …"
(Aus: Lausitzer Rundschau/Elbe-Elster-Rundschau vom 07.05.1997.)
Den Autoren des Sammelbandes gelingt es überzeugend, das durch die politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse seit dem 19. Jahrhunderts erzeugte Spannungsfeld kenntlich zu machen, von dem die Technische Intelligenz in ihrem Handeln ebenso beeinflusst wurde, wie sie es durch ihr Handeln verstärkte.
Lutz Engelskirchen in: H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews, December, 1997. URL: http://www2.h-net.msu.edu/reviews/showrev.cgi?path=792885503032.