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Felicitas Peters

Orplid

oder Alte Eisen


Leseprobe

(…) "Hab ich Sie recht verstanden", wagte Luchner sich vor. "Sie erwarten Auskunft ausgerechnet aus Paris?" In demselben Augenblick surrte der Apparat vor ihnen. Ein merkwürdiges Gespräch. Luchtner verstand so viel, daß Wienhold mit einem guten Bekannten sprach, einem Schweden. Er mußte wohl Botschaftsangehöriger in Schweden sein. Daher konnte er offener reden. Und noch bevor Wienhold auflegte, wurden Luchtner die Zusammenhänge in diesem Puzzel klar.
Wienhold war erregt. "Sie erinnern sich an die Idee und das Sondieren der schwedischen Regierung, die enormen Kosten für die vom Staat garantierten Renten im Land zu senken?"
"Ja, ich weiß."
"Die Schweden haben sich übernommen. Nur noch Defizite. Aber das sozialistische Regime darf nicht kapitulieren."
Die elegante Sekretärin war hineingeschlüpft und stand abwartend in der Tür. "Da sind zwei Besucher, hartnäckige." Wienhold wehrte ab und erklärte weiter in Luchtners Richtung.
"Die Senioren sollen weiter vom Staat versorgt werden, oh ja – aber da, wo die Kosten niedriger gehalten werden können, da wo man sie auch gern aufnähme."
Wienhold schnippte mit den Fingern: "Da gab's vor ein paar Jahren doch mal eine Sendung, gut gemachtes Science Fiction, wie hieß sie nochmal?"
"Meinen Sie 'Orplid'?"
"Ja richtig, nach dem Traumland, das Mörike erfand."
Er preßte die Lippen zusammen.
"Großer Gott, die Alten aus Deutschland sollen nach Orplid! Das müssen wir aufspüren, Luchtner, das müssen wir publik machen. Wir müssen doch unsere Leser fragen, was sie wollen, das ist doch das Thema der Nation. – Und wir, wir haben unseren Knüller, Mensch Luchtner! Mir scheint, es ist höchste Zeit!" (…)

Weg mit dem alten Eisen – deutsche Senioren sollen nach Spanien abgeschoben werden. So will es jedenfalls die Familienministerin Anette Berkmann. Sie sieht in dem Projekt Orplid Vorteile für alle Beteiligten: In Deutschland werden durch die Umsiedlung dringend benötigte Wohnungen frei, die teuren Pflegefälle belasten die Bundeskasse nicht mehr, und die alten Menschen fühlen sich im sonnigen Spanien sowieso wohler als in ihrer kalten Heimat – oder?

Der Journalist Jürgen Luchtner erfährt durch eine Indiskretion von Orplid. Diese Story wäre seine Chance, ganz groß rauszukommen, aber er zögert, sein Wissen preiszugeben. Als jemand anders ihm zuvorkommt und Orplid zum Gesprächsthema Nr. 1 wird, reist Luchtner frustriert nach Spanien, wo er in einer kleinen deutschen Kolonie die Konsequenzen des Projektes kennenlernen will.


1994, 114 Seiten, br., 9,90 EUR, ISBN 978-3-89325-262-6

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