Als Genealogie bezeichnet Foucault eine Analyse der Geschichte der Gegenwart, die die Konstitution des Subjekts im historisch-kulturellen Zusammenhang zu erklären vermag. Diese Denkfigur greift die Autorin in ihrer Studie auf, hält sich jedoch nicht an die foucaultsche Regel, sich dabei vom konstituierenden Subjekt zu befreien. Stattdessen gibt sie ihm einen angemessenen Ort, indem sie sich der Frage zuwendet, welche biographische Bedeutung die von orthopädischen, sonder- und heilpädagogischen Disziplinen entwickelten Normalisierungspraktiken aus der Perspektive derjenigen gewonnen haben, denen der Diskurs galt. Die biographischen Erzählungen contergangeschädigter Frauen und Männer, so ein zentrales Ergebnis, lassen ihrerseits Regeln erkennen, nach denen biographisch 'wahres' Wissen entwickelt wird und Ablehnungen und Modifikationen der Bezeichnungs- und Normalisierungspraktiken verlaufen. Zudem geben sie Hinweise auf Bildung von gesellschaftlichen Gegenentwürfen, die kurz davor sind, in moralisch motivierte Kämpfe zu fließen. AutoreninfoWalburga Freitag, Dr. phil., Diätassistentin und Ernährungsmedizinische Beraterin/DGE, Studium der Erziehungswissenschaften und Soziologie, 1995/96 DAAD-Stipendiatin und Visiting Fellow am Centre for the Body & Society, Deakin University, Geelong, Australien. Forschte und lehrte von 1996 bis 2001 an der Universität Bielefeld. Zurzeit wiss. Mitarbeiterin der Koordinationsstelle Frauen und Gesundheit NRW. PressestimmenDurch die Gegenüberstellung von medizinischem Dispositiv und biographisch "wahrem" Wissen gelingt Walburga FREITAG eine Annäherung an die moralische Grammatik und die historisch-politische Bedeutsamkeit dieses sozialen Konfliktes. Die Verknüpfung von Diskursanalyse und Biographieforschung ist also nicht nur in methodischer Hinsicht gelungen, sondern fördert auch, was positiv hervorgehoben werden sollte, neue Erkenntnisse über das Verhältnis von Subjekt, Gesellschaft und Wissenschaft zu Tage. Ganz besonders kann die inspirierende Studie von Walburga Freitag die reichhaltigen Perspektiven auf "Behinderung" jenseits des medizinischen Blickes erschließen. […] Vor allem der erste Teil der Studie erscheint fast wie ein Wissenschaftskrimi […] Auch der zweite Teil ist aufgrund seiner methodologischen Begründung und den "anderen Geschichten" über Contergan, die damit generiert werden, sehr aufschlussreich. 2005, IHS, Bd. 444, 454 Seiten, br., 34,90 EUR, ISBN 978-3-8309-1503-4
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