1853 kam in Deutschland eine neue Mode auf: das Tischrücken. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese merkwürdige Praxis durch ganz Deutschland und alle Schichten. Für einige Monate wogten heftige Auseinandersetzungen um das seltsame Treiben und seine Bewertung zwischen Spiritismus, Humbug und Forschung. Diese Studie untersucht auf Basis kirchlicher Archivalien, populärer Zeitschriftenartikel und zeitgenössischer Monographien das Tischrücken als kulturelles Phänomen. Unter den Deutungsmustern der quasi-religiösen Offenbarungspraxis, des wissenschaftlichen Experiments und des Gesellschaftsspiels wird das Tischrücken interpretiert. Dabei wird deutlich, dass es den Nerv seiner Zeit in mehrfacher Hinsicht genau traf und deshalb im Zusammenwirken der verschiedenen Aspekte eine so spektakuläre Breitenwirkung entfalten konnte. AutoreninfoTimo Heimerdinger, Jg. 1973, studierte in Freiburg und Pisa Volkskunde, Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Deutsche Philologie (Linguistik). 1999 schloss er sein Studium mit dem Magister Artium ab, danach war er am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. in Dresden beschäftigt. Mittlerweile ist er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und arbeitet am Seminar für Volkskunde der Christian-Albrechts-Universität Kiel an seiner Dissertation zu populären Seemannsbildern. PressestimmenDer Volkskundler der Universität Kiel [Timo Heimerdinger] schildert lebendig, wie das Massenspektakel aufgenommen wurde, welche Erklärungsversuche es gab und wie Séancen abliefen "Heimerdingers Studie [ist] sehr zu würdigen, da sie wichtiges Quellenmaterial untersucht und mit Hilfe von dessen Auswertung eine neue Perspektive auf ein Phänomen darbietet, das bislang nur innerhalb der Parapsychologie oder der Spiritismusgeschichte untersucht wurde." [Timo Heimerdinger] verbindet in innovativer Weise Spieltheroie und eine Analyse des bürgerlichen Spiritismus als "Gesellschaftspiel". Damit wird der Spiritismus als Faktor der autonomen Vergesellschaftung des Bürgertums und mithin als Teil der gesellschaftlichen Pluralisierung im 19. Jahrhundert sichtbar. Dem Verfasser gebührt […] das Lob, für die Rekonstruktion der Vorgänge im Schwarzwald als einer der ersten den Weg ins Archiv unternommen zu haben. 2001, 132 Seiten, br., 19,50 EUR, ISBN 978-3-8309-1050-3
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